Literatur

 

Projekt "Fortsetzung folgt"

Ein Roman des GRg19

 

8. Kapitel (2D): Abenteuerreise mit Odysseus

In der Nacht konnte Oliver kaum schlafen. Immer wieder stand er auf und schlich auf Zehenspitzen in Toms Zimmer. Staunend betrachtete er den goldenen Zahn und die versteinerten Schlangenhaare. Was würde er wohl von seiner Abenteuerreise mitbringen? Würde es auch so etwas Cooles sein? Aufgeregt tapste er wieder in sein Bett zurück. Ein Los hatte ja entschieden, dass er der nächste aus der Familie sein durfte, der mit einem literarischen Helden losziehen konnte. Wer würde das wohl sein? Und vor allem – wann würde es endlich sein?!

Die nächste Woche verging im Nu. Die Kinder waren eifrig mit ihren Schulsachen beschäftigt, denn es gab Schularbeiten und Tests am laufenden Band. Seufzend stellte Rebecca fest: „Wann haben wir endlich wieder Zeit für einen gemütlichen Leseabend, an dem wir ……!“ Weiter kam sie nicht, denn da erschütterte ein fürchterlicher Krach das ganze Haus. Die Wände erzitterten und der Luster im Wohnzimmer begann zu schwingen. Alle stürzten in den Garten, von wo das Getöse herkam. Da stand ein stolzes Schiff mit 52 Männern! An Deck befand sich ein edler Krieger und winkte. „Odysseus, der König von Ithaka!“, schrie Oliver, „Welche Ehre! Bist du auf deinen Irrfahrten auch bei unserem Haus vorbeigekommen?“ Er packte seinen vorbereiteten Rucksack, verabschiedete sich von der Familie und kletterte über eine Strickleiter an Bord.

„Willkommen in unserer Mitte! Es erwartet dich eine schwierige Aufgabe!“ begrüßte Odysseus ihn herzlich. Oliver musste die Augen schließen, und als er sie wieder öffnen durfte, befanden sie sich bereits auf hoher See. Die Wellen peitschten gegen die Schiffswände und die Segel blähten sich im Wind. Oliver betrachtete neugierig die Schiffseinrichtung und die Mannschaft.

„Du bist ein tapferer Bursche, wirst gar nicht seekrank!“ meinte einer von ihnen und überreichte ihm feierlich ein Schwert. „Das wirst du brauchen, denn wir sind auf der Suche nach dem goldenen Schaf. Pallas Athene ist Odysseus im Traum erschienen und hat ihm diesen Auftrag erteilt. Nun möchte ich dir auch noch unsere Gefährten vorstellen. Manche sind sogar eigens aus dem Reich des Hades gestiegen, um sich an dieser Suche zu beteiligen. Herakles kennst du ja bereits, er war mit Tom unterwegs, aber auch Achilleus, Ajax und Agamemnon sind für diese Fahrt zu uns gestoßen. Sie werden nach diesem Abenteuer wieder ins Totenreich zurück kehren.“ Oliver war überwältigt angesichts dieser Versammlung der edelsten Helden.

Zwei Tage und zwei Nächte segelten sie. Endlich sah einer der Männer von seinem Ausguck in der Ferne einen winzigen Punkt, der immer größer wurde, je näher das Schiff kam, bis endlich eine stattliche Insel vor ihnen lag. Sie warfen den Anker aus und ruderten mit den Beibooten an Land. Odysseus erklärte Oliver, dass das goldene Schaf vom stärksten Zyklopen bewacht wurde.

Die Gefährten teilten sich nun in zwei Gruppen auf. Jeder hatte einen Beutel mit Essen und einen Schlauch mit Wein mit. Oliver freute sich sehr, dass er mit Odysseus gehen durfte. Immer tiefer stapften sie in den Wald hinein. Sie machten bei einer Lichtung eine kurze Rast. Odysseus erklärte: „Oliver, nach einer Prophezeiung kann nur ein Miller es schaffen das goldene Schaf zu finden – und du bist ein Miller!“ Voller Begeisterung hörte Oliver zu und fragte zweifelnd: „Glaubst du, dass ich das Schaf finden werde?“ Odysseus antwortete: „ Du schaffst es bestimmt, da bin ich mir sicher!“ Gleich nach dem Gespräch gingen sie weiter. Bald trafen sie die andere Gruppe. Odysseus ging zu Achilleus, dem anderen Gruppenanführer und fragte: „Hast du eine Spur gefunden?“ „Nein, leider nicht.“, brummte Achilleus. Die Zeit verging sehr schnell und die Männer gingen schlafen.

Am nächsten Morgen stand Oliver sehr früh auf. Die Männer durchquerten die ganze Insel, fanden aber nichts. Als sie wieder Rast machten, sah sich Oliver noch einmal um, obwohl er die Gegend schon kannte. In der Ferne sah er ein Stück Boden, das sehr weich und feucht aussah. Er lief auf die Stelle zu und fiel in ein tiefes Loch. Die Gefährten hörten das laute Krachen und liefen beunruhigt hin. Da sahen sie Oliver in dem Loch liegen. Er rief: „Hier unten führt ein Weg weiter!“ Die Männer stiegen durch das Loch ab. Langsam folgten sie dem Pfad. Sie sahen fünf Abzweigungen und teilten sich daher in fünf Gruppen auf. Oliver ging wieder mit Odysseus mit. Ihr Weg führte in eine große dunkle Höhle. Zu ihrem Erstaunen kamen die anderen Männer auch hinzu, also hatten alle Wege zu dieser Höhle geführt. Tiefer und tiefer drangen sie in das Höhlensystem ein.

Nach einer Weile sahen sie ein Leuchten, das immer heller und heller wurde, je weiter sie gingen. Auf einmal erstrahlte der Raum in solch einem Licht, als wären tausende von Kerzen angezündet worden. Vor ihnen stand das goldene Schaf! Es war an einer eisernen Kette angehängt. Das Schaf zitterte am ganzen Leibe! Gerade wollten sie es losmachen, als ein Beben die Erde erzittern ließ. Das Schaf begann laut zu blöken und versuchte sich von der Kette loszureißen, aber je mehr es zog, umso fester schlang sich die Kette um den Hals des Tieres. Es drohte zu ersticken. Während die Männer versuchten, das Schaf zu beruhigen, begann die Mauer plötzlich zu bröckeln. Mit einem lauten Donner stürzte diese ein und der Zyklop stand vor ihnen. Er hatte riesige Warzen, nur ein Auge, das so groß wie ein Kopf war, fette Hände und riesige Füße. Man könnte meinen, er wäre ein Dinosaurier. Wutentbrannt sah er die Männer an und begann zu schnauben. Oliver erstarrte. Nicht einmal in seinen Albträumen war ihm so ein Wesen begegnet!

Die Gefährten wussten nicht, wie sie den Riesen überwältigen könnten. Fieberhaft suchten sie nach einer Lösung, doch es schien aussichtslos. Da sah Oliver, dass die Mauer, die ja in riesige Brocken auseinander gefallen war, wie eine Treppe zu dem Kopf des Zyklopen führte. Sofort erklomm er in schnellen Sprüngen die Felsblöcke, bis er Auge in Auge mit dem Ungeheuer stand. Er zog sein Schwert und bevor der Zyklop mit seinen riesigen Pranken die Gefährten erschlagen konnte, nahm er all seinen Mut zusammen und stieß das Schwert so fest er nur konnte in das Auge des Riesen. Mit einem schauerlichen Gebrüll bäumte sich das Ungeheuer auf. Die Männer nutzten diesen Augenblick und stachen mit ihren Waffen auf ihn ein. Und obwohl das Blut in Strömen an dem Riesen hinunterlief, kämpften sie weiter. Schon bald waren die Männer am Ende ihrer Kräfte. Odysseus befahl zweien seiner Männer, dass sie das Schaf retten sollten, denn sonst würde es bald sterben. Die Männer führten diesen Befehl aus, zerschlugen mit ihren Schwertern die Kette und wollten gerade zu einem der Ausgänge flüchten, als der Riese ihnen den Weg versperrte. „Ihr werdet mein Schaf niemals bekommen!“, brüllte der Zyklop. Odysseus riet seinen Leuten den Zyklopen abzulenken, indem sie ihn an das Ende der Höhle lockten. Als Odysseus gerade das Schaf packen wollte, gab ihm der Zyklop einen Stoß, sodass er in hohem Bogen an die Wand flog. Nun gab er den Befehl sich zurückzuziehen. Schneller und schneller liefen sie aus der Höhle, wieder zum Pfad und krochen aus dem Loch heraus.

Oliver bemerkte, dass der Zyklop ihnen nicht nachgerannt war. „Wahrscheinlich ist er von meinem Stich ins Auge blind geworden.“ Agamemnon fragte: „Wie kann man eigentlich dieses Scheusal besiegen?“ Ajax hatte diese Frage mit angehört und sagte: „Wir könnten warten, bis dieses Biest schläft!“ „Das ist eine gute Idee“, meinte Herakles mit erhobener Stimme. Da trat Odysseus ein und erklärte: „Wir gehen heute Abend hinunter zur Höhle und wenn der Zyklop dann wirklich schläft, nehmen wir das goldene Schaf mit aufs Schiff und segeln davon. Was meint ihr dazu?“ Da fragte Achilleus: „ Was ist, wenn aber der Riese aufwacht?“ „Dann müssen wir sofort weg?“ bestimmte Odysseus. „Es genügen eigentlich zehn Leute, die anderen sollten beim Schiff warten.“, meinte Oliver. Ajax staunte: „Du bist sehr klug für dein Alter. Du hast Recht, so sollten wir handeln!“ Alle anderen Männer stimmten ihm zu.

Als es Abend war, gingen Odysseus, Oliver, Achilles, Ajax, Herakles und einige andere wieder zur Höhle. Plötzlich hörten sie ein lautes Geräusch. Es war ein tiefes Schnarchen. Langsam schlichen sie hinein. Da sahen sie das helle Licht wieder. Sie bemerkten, dass das Schaf wieder eine neue Kette um den Hals hatte. Weil Achilles bis auf seine Ferse unsterblich war, ging er als Erster voran. Als er die Kette durchschnitt, fing das Schaf an zu blöken. Dadurch wachte der Zyklop auf. „So war das nicht geplant!“, schrie Odysseus voller Wut. Achilles packte das Schaf mit beiden Händen und lief so schnell er konnte zum Ausgang, wo die anderen schon warteten. Gemeinsam schütteten sie das Loch mit viel Erde zu. Aber das machte dem Zyklop nichts aus. Er durchbrach einfach das zugeschüttete Loch.

Schon war er dabei aus dem Loch zu klettern, da schrie Oliver: „ Odysseus, du hast doch von Aiolos, dem Herrscher der Winde einen Schlauch aus Stierhaut bekommen. Halte ihn in Richtung Zyklop und öffne Ihn!“ Einen kurzen Augenblick starrte ihn Odysseus entgeistert an, dann begriff er. Sofort löste er den Knoten. In diesem Moment fuhr ein gewaltiger Windstoß über die Insel und blies den Zyklopen ans andere Ende. Nun hatten sie Zeit genug das Schiff zu besteigen und in See zu stechen. Mit vereinten Kräften schafften sie es außer Reichweite der Insel zu gelangen. Doch da drohte ein neues Unglück! Der Wirbelsturm hatte gedreht und fegte orkanartig über die Wellen. Bleich und erschöpft klammerten sich alle an den schwankenden Mast. Nun hatte ihr letztes Stündlein geschlagen! Traurig dachte Oliver an seine Familie, wie es ihnen wohl gehen würde, wenn er gar nicht mehr zurückkäme. So hatte er sich sein Abenteuer nicht vorgestellt!

Mit einem Mal jedoch teilte sich das Wasser und Poseidons Kopf erschien. Wütend brüllte er: „Ihr habt meinem Sohn das Augenlicht geraubt, das werdet ihr büßen! Wenn ihr das Schaf nicht auf der Stelle opfert, wird euch der nächste Strudel verschlingen." Erschrocken machten sich die Gefährten Odysseus sofort daran die Opferzeremonie vorzubereiten. Nach einer Weile legte sich der Sturm tatsächlich. „Nun heißt es Abschied nehmen“, meinte Odysseus bedauernd, „du warst uns eine große Hilfe und wir bedanken uns bei dir! Schließe bitte wieder deine Augen.“

„Ja aber, was soll ich denn als Beweis mit nach Hause nehmen?“ fragte Oliver aufgeregt und öffnete dabei seine Augen wieder. Da fand er sich wieder im Garten seiner Familie, in einem Ruderboot sitzend, dessen Boden mit feinem Goldstaub überzogen war.

Verdutzt schaute er um sich, da kam schon seine Familie angerannt und umarmte ihn: „Erzähle, wie war's? Was hast du mitgebracht?“ Alle stürmten auf ihn ein. Oliver war ganz verwirrt: „Halt, alles der Reihe nach! Bevor ich von meinen Abenteuern berichte, schaut euch einmal dieses tolle Boot an! Natürlich können wir es nicht hier im Garten stehen lassen, aber ich denke in einem Museum ist es bestens aufgehoben!“ Nun kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr. In dieser Nacht schlief keiner, alle lauschten der Erzählung Olivers und während der nächsten Tage hatten sie viel zu tun, denn die Presseleute aus der ganzen Welt belagerten das kleine Ortsmuseum, in dem der wertvolle „Fund“ untergebracht war.

Das Boot von Odysseus zu besitzen bedeutete großes Ansehen für die kleine Stadt. Mit den neuen Einnahmen, die aus dieser Sensation erwuchsen, konnte sich die Schule endlich einen neuen Turnsaal leisten – und einen eigenen Fußballplatz!

 

         

ZU DEN ILLUSTRATIONEN

 

Ansprechpartner: Prof. Barbara BRANDSTEIDL, Prof. Thomas KNOB, Prof. Franz LUX, Prof. Brigitte ZERLE
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