Literatur

 

Projekt "Fortsetzung folgt"

Ein Roman des GRg19

 

7. Kapitel (2C): Beim Sumpf von Lerna und im Hades

„Sonntag, der schönste Tag der Woche“, meinte Herr Miller, während er verschlafen aus dem Fenster guckte. Tom, der schon sehr früh aufgewacht war, saß in seinem Zimmer, las ein Buch und wartete verzweifelt darauf, dass endlich wieder etwas Spannendes passieren würde. Jetzt legte er sein Buch weg und lauschte den Radionachrichten in der Hoffnung, irgendetwas Merkwürdiges zu hören. Währenddessen war die ganze Familie aufgestanden und die Mutter damit beschäftigt, alle für den Wochenendputz einzuteilen. Als Alice zu raunzen anfing, weil sie das Geschirr abwaschen musste, rief Mutter Miller so laut, dass Tom es auch gewiss hören konnte: „Dafür wird Tom in einer Stunde das Klo putzen!“ Alice war mit dieser Entscheidung äußerst zufrieden, Tom hingegen begann auf ein Wunder zu hoffen.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Roter Nebel stieg inner- und außerhalb des Hauses auf. Eine starke und große Person trat in das Haus. Tom, der sie als Erster sah, war klar, dass das Herakles sein musste, denn er kannte ihn aus vielen Büchern, die er gelesen hatte. Herakles fragte: „Wer von euch Kindern will mit mir gehen, um den goldenen Zahn der Hydra zu holen?“ „Ich will! Lasst mich mit ihm gehen!“, rief Tom ohne auch nur ein bisschen Angst vor dem Abenteuer zu haben, schließlich winkte ihm die Befreiung von der ungeliebten Hausarbeit.

„Bist du dir wirklich sicher, dass du das auch willst?“, fragten seine Eltern besorgt, schließlich hatte Vater Frank selbst einige schauerliche Erinnerungen an seine Begegnung mit der Hydra, die ihn seither im Traum plagten. Tom nickte aber und stellte sich neben Herakles. „Auf zum Sumpf von Lerna!“

Frau Miller hingegen war weniger abenteuerlich zu Mute: „Alice, jetzt musst doch du das Klo putzen!“ Alice ließ nur ein unverständliches Murmeln hören.

Tom und Herakles nahmen den Weg über Theben. Es war eine lange, dunkle und kalte Nacht. Herakles legte Tom besorgt das wärmende Löwenfell um die Schultern. Endlich kamen sie zu einer Hütte, in die sie ein netter Mann einließ und versprach, den Göttern ein schwarzes und ein weißes Lamm zu opfern, sollten sie nicht zurückkommen. Nachdem sie sich ausgeruht hatten, zogen sie weiter, aber es sollte noch viele Tage durch völlig menschenleere Gegenden dauern, bis sie den Sumpf von Lerna erreichten.

Herakles war schon sehr lange nicht mehr dort gewesen und es hatte sich viel verändert: Blumen blühten, Bäume wuchsen und auf manchen waren sogar Äpfel und Birnen zu sehen. Herakles schob den Stein, unter dem Hydras unsterblicher Kopf begraben war, zur Seite. Als Tom den Kopf der Hydra erblickte, schrie er auf: „Oh Gott, nicht einmal in Filmen gibt es so hässliche Köpfe wie diesen hier zu sehen!“ Aus dem rechten Mundwinkel ragte der goldene Zahn heraus und Herakles ballte die Faust, um ihn der Hydra mit einem gewaltigen Streich auszuschlagen, aber noch bevor er sein Vorhaben ausführen konnte, blickte er irritiert um sich. Alles um ihn herum begann grau zu werden, die Bäume verschwanden und die Blumen sanken welk in den Boden. Herakles blickte Tom an, der aussah, als stünde er unter Hypnose. Plötzlich hörten sie ein Geräusch. Der Kopf der Hydra hob sich aus dem Grab und die beiden sahen, dass ihr Leib wieder nachgewachsen war. Wie konnte das passieren, Herakles hatte sie doch getötet, oder? Jetzt wünschte sich Tom, dass er wieder daheim bei seinen Büchern sein könnte. Wild schnappte der Kopf nach Herakles. Hätte Tom ihm nicht geistesgegenwärtig in die Kniekehle getreten, sodass Herakles zu Boden stürzte, wäre jener wohl Hydrafutter geworden. So schoss der Kopf über die beiden hinweg. Ein mächtiger Wind wehte, als acht neue Köpfe aus dem Leib der Hydra wuchsen. „Was für ein ekliger Mundgeruch!“, schrie Tom voller Entsetzen. Doch was passierte nun? Die Hydra veränderte sich, die Augen schillerten grün, ihr Leib wurde rot und sie begann einen komisch weißen Schleim zu spucken. „Vorsicht, ihr Speichel ist sicher giftig!“, schrie Herakles und schubste Tom zur Seite. Ihnen war klar geworden, dass sie kaum eine Chance hatten, die Hydra zu besiegen. Sie hatten enorme Angst vor dem gigantischen Vieh und suchten, jede Deckung ausnutzend, das Weite, während die Hydra um sich spuckte und ihre scharfen Zähne blitzen ließ. Schließlich erreichten sie einen seltsamen Stein, hinter dem sie sich zu Boden warfen, um sich zu beratschlagen.

„Schau, hier auf diesem Stein sind eigenartige Zeichen zu sehen“, bemerkte Tom. Herakles konnte die Zeichen schnell entziffern und sagte: „Hades steht hier.“ Tom hatte die erlösende Idee: „Wir steigen in den Hades hinab und bitten die Medusa uns beizustehen. Vielleicht gelingt es uns mit Hilfe ihres versteinernden Blickes, die Hydra zu besiegen. Dann kannst du ihr in Ruhe den goldenen Zahn ziehen und ich bekomme einen Beweis für die Wahrheitskommission.“

So machten sie sich auf und gingen einen weiten Weg bis zu einem schwarzen Loch, welches der Eingang zur Unterwelt war. Auf ihrem Weg bereitete Herakles Tom auf den Hades vor: „Das Wasser sieht wie Lava aus, das Gras ist tiefschwarz und die verstorbenen Menschen werden uns als Geister erscheinen, aber habe keine Angst, ich war bereits einmal dort und kenne mich aus.“ „Ich weiß das aus den Büchern, aber wirst du wieder Erfolg haben?“, zweifelte Tom.

Bald waren die beiden am Ziel. Doch da kam die nächste Hürde auf sie zu. „Achtung, Kerberos, der dreiköpfige Hund“, warnte Herakles. Kerberos bewachte das Tor zur Unterwelt und ließ niemanden vorbei. Wieder war guter Rat teuer! Schließlich beschlossen die beiden sich zu trennen. Herakles lenkte Kerberos ab und dadurch konnte Tom den Eingang passieren. Kerberos aber hatte seinen langen Schwanz mit dem bissigen kleinen Schlangenkopf am Ende quer vor den Eingang gelegt. Herakles schlug mit seiner überwältigenden Kraft auf den linken Vorderfuß des Kerberos. Dieser schrie vor Schmerz laut auf und zog sich kurz zurück. „Schnell, lauf durch das Tor!“, schrie Herakles Tom zu. Doch Kerberos war nicht so leicht in die Flucht zu schlagen und griff erneut an. Er schlang seinen Schwanz um den Nacken von Herakles und während er ihn so würgte, versuchten ihn die drei Köpfe zu beißen. Herakles forderte Tom erneut auf, die Medusa zu suchen und krächzte zuversichtlicher, als die Situation erwarten ließ: „Ich werde schon mit diesem Ungeheuer alleine fertig.“

Tom stürzte durch den Eingang und fand bald den Gott Hades, den er um Hilfe bat. Hades gab Tom ein Amulett zum Schutz gegen die Medusa und führte ihn rasch zu ihr. Als Tom die Medusa sah, blickte sie ihn scharf an. Tom nahm das Amulett und das Licht spiegelte den Blick der Medusa. Tom lenkte das Licht auf Kerberos, sodass dieser geblendet wurde und Herakles losließ. Herakles nutzte die Gelegenheit, um zu Tom zu laufen.

„Bitte, Medusa, hilf uns die Hydra mit deinem Blick zu besiegen!“, bat Herakles. „Was bekomme ich dafür?“, erkundigte sich die Medusa. „Du wirst überall beliebt sein und darfst nach vollendeter guter Tat wieder auf der Welt leben“, versprach Herakles mit überzeugender Stimme. Schließlich willigte sie ein. Gemeinsam verließen sie die Unterwelt. Kerberos hütete sich, sich ihnen in den Weg zu stellen, so groß war seine Angst vor dem Blick der Medusa, und so erreichten sie unbehelligt die sonnenbeschienene Erdoberfläche.

Der gemeinsame Weg zurück zum Sumpf von Lerna war unheimlich. Vor ihnen lag der schwierige Kampf mit der Hydra und außerdem waren sich Herakles und Tom keineswegs sicher, ob sie der Medusa vertrauen durften und ob das Amulett auch außerhalb des Hades seine Wirkung behalten würde. Die Hydra war wieder in das Wasser des Sumpfes geglitten, doch als sie die drei sah, richtete sie ihre neun Köpfe auf. Die Medusa stellte sich sofort dem Kampf, doch wurde sie von einem Schlag eines der neun Köpfe getroffen, sodass sie zu Boden sank und bewusstlos liegen blieb. Nun sah die Hydra in Herakles ihren stärksten Gegner. Herakles hatte seine Keule gehoben und holte zu einem wütenden Schlag aus, auch wenn er keine Chance mehr sah, gegen die neun Köpfe zu bestehen. Als seine Keule auf einen der Köpfe der Hydra herabsauste, wirkte das Untier nur verwundert. Ihr tödlicher Gegenschlag schien so unabwendbar, dass Herakles vor Schreck die Augen schloss. Nach kurzer Zeit bemerkte er, dass er noch immer keinen Schmerz fühlte, und öffnete die Augen. Die Medusa musste in der Zwischenzeit wieder zu Bewusstsein gekommen sein, denn die Hydra war schon zur Hälfte versteinert. Blitzschnell zog ihr Herakles den goldenen Zahn, bevor auch dieser unansehnlich grau wurde. Als sich Herakles und Tom für die Rettung bei Medusa bedanken wollten, wirkte sie völlig verändert. Sie lachte höhnisch und sprach: „Bedankt euch nur, aber retten wird euch das nicht. Nun werdet auch ihr versteinert, denn euer Amulett hilft euch hier im Sonnenlicht nicht!“ „Du mit deinem hässlichen Schlangenhaar, sieh doch einmal her!“, rief Tom zornig und bewarf sie mit Steinen. Inzwischen zog Herakles sein Schwert, um ihr den Kopf abzuschlagen, aber es zerbrach, als es ihren Hals berührte, dass die Schwertspitze weit bis vor die Füße Toms flog. Medusa wandte sich wütend Herakles zu, um ihn mit ihrem Blick zu versteinern, aber Tom kam die rettende Idee. Er hob blitzschnell die glänzende Schwertspitze auf, hielt sie sich vors Gesicht und rief der Medusa zu: „Schau her, du hinterlistiges Scheusal!“ Die Medusa wandte ihren Kopf, blickte mit ihrem versteinernden Blick auf das spiegelnde Metall und erstarrte. Grau wie ein Stein stand sie vor ihnen und war tot. Als Herakles das sah, schlug er ihr ein steinernes Schlangenhaar ab, hob den goldenen Zahn der Hydra auf und mit diesen Beweisen für die Welt des antiken Griechenlands begaben sich die beiden zurück in Toms Welt.

Im Haus der Millers stieg blauer Rauch auf, und erst allmählich, als sich die Sicht wieder besserte, ließen sich zwei Gestalten erkennen: Tom und Herakles. Die ganze Familie rannte auf Tom zu und umarmte ihn, so glücklich war sie über seine Rückkehr, denn sie hatte ihn sehr vermisst. Nach einiger Zeit bemerkten die Eltern, dass Tom in jeder Hand etwas Seltsames hielt. Barbara Miller schrie laut auf. Frank fragte sofort, was Tom da mitgebracht habe, aber dieser war nicht bereit mit dem Erzählen zu beginnen, bevor sein Freund Herakles nicht bewirtet worden sei. Erst bei Kaffee und einer guter Mehlspeise berichtete Tom von seinen Abenteuern und erklärte die Herkunft der seltsamen Mitbringsel. Die Familie konnte es kaum glauben, doch Herakles bestätigte: „Das ist alles die reine Wahrheit und nichts anderes.“ Erst als sich Herakles ausgiebig gestärkt hatte, verließ er, wieder in eine blaue Rauchwolke gehüllt, die Familie, und Tom konnte sein Zimmer mit dem goldenen Zahn der Hydra und dem versteinerten Schlangenhaar der Medusa schmücken.

 

         

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Ansprechpartner: Prof. Barbara BRANDSTEIDL, Prof. Thomas KNOB, Prof. Franz LUX, Prof. Brigitte ZERLE
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