Literatur

 

Projekt "Fortsetzung folgt"

Ein Roman des GRg19

 

6. Kapitel (2B): Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Nach diesen Erlebnissen begannen die Semesterferien. Sie verliefen unglaublich eintönig für die Kinder der Familie Miller, deren Zeugnisse nicht gerade den Vorstellungen ihrer Eltern entsprochen hatten. Sie waren daher von ihren Eltern dazu verdonnert worden, ihre Freizeit dazu zu nutzen, die nicht gerade erfreulichen Resultate schleunigst zu verbessern. So brüteten die jungen Millers über ihren Lehrbüchern, bliesen Trübsal und schienen vergeblich auf ein neues, aufregendes Abenteuer zu hoffen. Sie spitzten ständig ihre Ohren und lauschten und lauschten.

Doch bald fing die Schule wieder an und einige Wochen später sollte für Oliver das geschehen, was sich jedes der Kinder gewünscht hatte. Mutter und Vater Miller saßen mit ihrem älteren Sohn am Küchentisch. An diesem Abend war nichts von der gewöhnlich fröhlichen Stimmung zu spüren. Oliver, der, wie wir wissen, sehr gerne utopische Romane las, hatte eine Deutschschularbeit mit dem Thema „Eine Reise durch den Weltraum“ geschrieben und eigentlich eine gute Note erwartet. Da ihm dieses Thema natürlich lag, hatte er eine sehr, sehr lange Arbeit abgegeben. Leider hatte er aber sehr viele Rechtschreibfehler gemacht, und so saßen seine Eltern und er um das Schularbeitsheft versammelt und starrten traurig auf das große, rot geschriebene „Nicht Genügend“ unter der Schularbeit und überlegten gemeinsam, wie man Olivers Rechtschreibung verbessern könnte.

Plötzlich war die Küche mit orangem Rauch erfüllt. Als er sich verzogen hatte, stand ein Mädchen im Handstand auf dem großen Küchentisch. Sie rief: „Hoppla hopp!”, schlug einen Purzelbaum und landete sicher auf beiden Beinen am Boden. Sie lachte über das ganze sommersprossige Gesicht. Ihre beiden Zöpfe waren karottenrot und standen links und rechts gerade vom Kopf ab.

Als sie die ernsten Gesichter der drei Millers sah, rief sie: “Beim Klabautermann – ich, Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, Tochter von Kapitän Efraim Langstrumpf, früher Schrecken der Meere, heute Negerkönig, habe schon lange nicht mehr so traurige Mienen gesehen. Ist euer Schiff untergegangen, habt ihr Mupsmaserien oder sind die Pfefferkuchen angebrannt ? Leider habe ich meine Medusin nicht mitgebracht, aber kann ich euch sonst wie helfen?“

„Nichts von alledem. Und nein, du kannst uns leider nicht helfen. Oliver hat eine schlechte Note auf seine Deutschschularbeit bekommen und …“, begann Mutter Miller, doch Pippi unterbrach sie gleich: “Da hast du Recht. Mit Schularbeiten kenne ich mich nicht aus, ich war noch nicht oft in der Schule. Aber mit guten Geschichten kenne ich mich aus. Oliver, lies doch mal vor, ich kann nämlich besser hören als lesen!“ Mit diesen Worten setzte sich Pippi auf einen Sessel, hob die Beine, die in riesigen, schwarzen Schuhen steckten, und legte sie auf den Tisch. Dann verschränkte sie die Arme hinter dem Kopf, lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Oliver begann zu lesen. Auch seine Eltern, die bisher nur die Fehler gesehen hatten, hörten gespannt zu. Pippi und auch Olivers Eltern hatten beim Zuhören das Gefühl, selbst durch das Sonnensystem zu fliegen und Millionen funkelnder Sterne zu sehen. Sie erlebten ein spannendes Abenteuer und überlebten die Gefahren eines schwarzen Loches.

Als Oliver geendet hatte, blieb es kurz still. „Und auf so eine Geschichte hast du eine schlechte Note? Nicht einmal in Timbuktu, wo alle Leute von klein auf Geschichten erzählen üben, habe ich so etwas Gutes gehört. Jetzt weiß ich, wie es im Himmel, wo meine Mama ist, aussieht. Schön ist es dort!“ meinte Pippi.

„Aber die vielen Fehler …“, seufzten die Eltern Miller gemeinsam.

„Ich habe keinen einzigen Fehler gehört, ihr etwa? Außerdem“, fragte Pippi die Mutter Miller listig, „was bist denn du von Beruf?“ Pippi wusste das ganz genau, denn die Märchenfiguren wissen sehr viel über die Familie, die sie sich zu ihrer Rettung ausgesucht haben.

„Ich arbeite als Lektorin.“ „Und was machst du da?“ „Ich lese Manuskripte, die uns die Schriftsteller geben, verbessere sie und …“ Schon wieder unterbrach Pippi die Mutter: “ Und was arbeitest du, wenn die Schriftsteller gar keine Fehler mehr machen?“ Darauf wusste Barbara keine Antwort. „Und ist es nicht wichtiger, aufregende, spannende, lustige oder traurige Geschichten zu schreiben, als keine Rechtschreibfehler in einer langweiligen, zum Gähnen bringenden, einschläfernden Geschichte zu machen? Außerdem war ich vor kurzem bei Thomas und Annika zum Abendessen eingeladen, und da hat Herr Settergren, ihr Papa, aus der Zeitung vorgelesen. Da gibt es doch eine Reformäle des Schreibens und die Reformäler der Reformäle reformälieren schon wieder die Reformäle, bis sich niemand mehr auskennt. Also, eine gute Geschichte bleibt eine gute Geschichte, egal wie die Wörter reformäliert werden!“

Herrn und Frau Miller fiel auf diese lange, ausführliche Erklärung keine passende Antwort mehr ein. Und gibt es überhaupt eine gute Antwort?

„So, jetzt habe ich euch doch geholfen. Jetzt ist Oliver dran, mit mir zu kommen und uns Märchenfiguren zu helfen!“ Mit diesen Worten sprang Pippi auf, nahm Oliver an der Hand und die beiden verschwanden in einer Wolke aus karottenrotem Rauch.

Als sich die Nebel lichteten, fand sich Oliver in einem Haus wieder. Er sprang auf und rannte, so schnell er konnte, zur Tür, denn er glaubte, im Garten ein Pferd wiehern zu hören. Im nächsten Augenblick riss er nicht nur die Tür, sondern auch seine Glupschaugen auf! Er stand in einem ziemlich verwahrlosten Garten einer alten, baufälligen Villa, auf deren Veranda ein Pferd stand. Oliver erkannte die Villa Kunterbunt sofort, eigentlich unterschied sie sich nicht sehr vom Haus der Millers. Pippi Langstrumpf mit ihren feuerroten Zöpfen grinste vom Rücken ihres ungeduldig scharrenden Schimmels, den er als „Kleinen Onkel“ in Erinnerung hatte, zu ihm hinunter und fragte: „Möchtest du dir Limonade aus dem Limonadenbaum pflücken?“ Oliver nickte und Pippi verschwand im Haus. Da Oliver, als er noch jünger war, natürlich alle Pippi Langstrumpfbücher gelesen hatte, wusste er sofort, dass der Limonadenbaum die riesige, alte Eiche im Garten der Villa Kunterbunt war. Oliver kletterte die Eiche hoch und rutschte in den hohlen Stamm. Dort fand er vier Limonadenflaschen. Er nahm zwei Flaschen, eine für sich und eine für Pippi. Das Hinausklettern war ein bisschen schwieriger, weil er die Flaschen in einer Hand halten musste, und so legte er dort, wo sich die Eiche in zwei Stämme teilte, eine kleine Pause ein. Von seinem Platz aus sah er auf die Terrasse der Villa Kunterbunt, auf der Pippi schon auf ihrem Pferd saß und auf ihn wartete. Sie deutete auf den leeren Platz im Sattel und schrie: “Na, wer will, wer mag, wer hat noch nicht?“

Ganz laut antwortete Oliver, obwohl niemand anderer gemeint sein konnte: “ICH, ICH, ICH, Nimm mich, nimm mich!“

Pippi erwiderte: “Klar, ich nehm dich mit, denn mein armer Papa sitzt in der Falle!“ Pippi stieg noch einmal ab, und während sie ihre Limonaden tranken, berichtete sie dem aufgeregten Buben mit wenigen Worten, dass sie gerade eine Flaschenpost von ihrem allerliebsten Papa, Seeräuber Efraim Langstrumpf, erhalten hatte, in der er sie dringend um Hilfe bat. Er war nämlich von gemeinen Piraten gefangen genommen worden und wurde auf der Insel Taka-Tuka festgehalten. Als der junge Miller all das gehört hatte, sprangen er und Pippi auf den „Kleinen Onkel“. Der Gaul, nicht faul, trabte sofort los und sie ritten aus der kleinen Stadt weiter über einen schmalen Feldweg in einen dichten Wald hinein. Im Wald sangen viele Vögel, Oliver hörte einen Specht, der an einen großen Baum klopfte. Ein Eichhörnchen huschte über den Weg. Oliver gefiel das Reiten und er vergaß den Ärger in der Schule ganz. Nach einem halbstündigen Ritt erreichten sie einen riesigen Heißluftballon, in dem alle Platz fanden außer der „Kleine Onkel“, der dafür doch ein bisschen zu groß war. So musste er wohl eine Zeit lang auf der Wiese weiden, aber wenigstens nicht Hunger leiden.

Während des Fluges genoss Oliver die Aussicht und suchte den Himmel nach Ufos ab, dachte immer wieder an den einsamen Schimmel und bekam schön langsam Hunger: “Pippi, hast du zufällig etwas zu essen dabei?“ „Na klar“, antwortete Pippi, und bot ihm auch noch ein „cooles“ Picknick im Ballon! Pippi erzählte gerade, dass die Piraten von ihrem Papa erfahren wollten, wo er seinen Schatz versteckt hielt, als Oliver plötzlich rief: “Eine Insel, Pippi! Kann das Taka-Tuka sein?“ Pippi wollte sich dessen versichern, indem sie durchs Fernrohr spähte. “Ich glaube schon, denn man kann eine Piratenfestung erkennen“, meinte sie.

Hastig brachte Pippi den Ballon zum Sinken. Dann warteten sie bis zum Einbruch der Dunkelheit, um leichter in die Festung gelangen zu können. Oliver konnte sogar einer betrunkenen Wache heimlich einen Schlüsselbund abnehmen! Nun befanden sie sich zwar im Inneren der Burg, mussten aber erst herausfinden, wo Pippis Vater gefangen gehalten wurde. So verbrachten sie etwas unvorsichtig die Nacht in den Kanonen der Festung. Es kam, wie es kommen musste: Sie wurden früh morgens sehr unsanft von herumlungernden Räubern geweckt, gefangen genommen und in eine eiskalte Zelle geworfen. Dort verging sogar Efraims Tochter das Lachen. Was für ein Schreck, als sie in der Dunkelheit auch noch jemand ansprach!

Erst als sich der unbekannte Bärtige als ein weiterer Gefangener entpuppte, der außerdem wusste, dass Pippis armer Vater in dem Verlies nebenan bei Wasser und Brot schmachtete, schöpfte das Rettungsteam wieder Hoffung. „Falls ihr meinen Nachbarn befreien wollt, könntet ihr mich bei der Gelegenheit auch herausholen!“ sprach das Bartgesicht. „Es ist mir eine Ehre!“, antwortete Pippilotta, die sich inzwischen wieder gefasst und auf ihre Bärenkräfte besonnen hatte, und hob die Tür aus der Angel. Dasselbe tat sie kurz darauf bei der Tür ihres Vaters. Oh, wie groß war die Wiedersehensfreude! Doch noch einmal musste Pippi ein paar Wachen verdreschen, bis sie endlich die grausige Festung hinter sich lassen und ihren rettenden Ballon erreichen konnten.

Bevor sich Oliver, Pippi und ihr Vater in die Lüfte begaben, schenkte das Bartgesicht seinen Befreiern zum Dank ein Fläschchen mit dem süßesten und besten Blütennektar der Welt. „Dieses Fläschchen enthält den größten Schatz, den ihr finden könnt“, sagte er geheimnisvoll. Als Pippi und Oliver davon tranken, spürten sie, wie sie ruhig wurden und alle Feindseligkeiten, die sie gerade noch kämpfen ließen, von ihnen abfiel. Bald konnte Pippi nicht mehr widerstehen und sie sagte zu Oliver: „Danke, dass du mir bei der Rettung meines Vaters geholfen hast! Das werde ich dir nie vergessen.“ Sie versprach ihm als Zeichen der Dankbarkeit das, was sie gerade als größten Schatz erkannt hatte: die ewige Freundschaft. Und da sie in der Neuzeit leben, gab sie ihm auch ihre Handynummer.

Oliver aber borgte sich gleich Pippis Handy aus, da er sein eigenes am Küchentisch vergessen hatte, und machte von allem ein Video und ein Foto als Beweis für die Wahrheitskommission. Da meinte Pippi: “Nimm lieber noch einen meiner Schuhe für die Kommission mit, damit sie dir wirklich glauben.“

Als der Ballon schließlich nach einer Fahrt, während der Pippi unerklärlicherweise immer wieder telephoniert hatte, mit lautem Krachen wieder im Garten der Villa Kunterbunt landete, war Oliver schon ein wenig froh, wieder festen Boden unter ihren Füssen zu haben.

Fast hatte er schon ein bisschen Heimweh, als Pippi und ihr Vater noch mit einer Überraschung aufwarteten: Sie wollten ihm zu Ehren ein kleines Fest geben. Wenn er sich etwas umsehen wollte, würde er bemerken, dass es schon losgegangen sei. Und tatsächlich! Oliver sah überall Lichter, hörte Stimmengewirr und fröhliche Musik. Er wunderte sich, wie es Pippi zuwege gebracht hatte, so schnell ein Fest zu organisieren, doch sie deutete nur lächelnd auf ihr Handy.

Kapitän Efraim Langstrumpf klopfte Oliver auf die Schulter und sprach: “Weil wir wissen, dass du Sciene Fiction über alles magst, haben wir einen besonderen Gast für dich bestellt.“

Oliver ging von allen anderen gefolgt hinter das Haus. Dort erwartete ihn eine kleine, grüne Gestalt, mit spitzen, abstehenden Ohren. Sie war in einen langen Mantel gehüllt und watschelte dem Jungen entgegen. Sie sprach: „Yoda ich bin. Von deinen Freunden zu diesem Fest und zu deiner Unterstützung und Hilfe ich geladen bin.“ Oliver war sprachlos! „Erzählt worden mir ist von deiner Schularbeit“, fuhr Yoda fort. „Mit aller Macht konzentrieren du dich musst, auf jedes Wort, einzelnes. Von hinten du lesen musst, dann sehen du wirst, wo Fehler gemacht du hast. Wörter, die geschrieben du, du oft schon gesehen, in vielen Büchern, du dich nur erinnern musst. So Meister des Schreibens du wirst! Diesen Rat du beherzigen musst. Und jetzt feiern wir weiter tun!“ Pippi führte Oliver und Meister Yoda auf die Veranda, sie alle sangen gemeinsam bis spät in die Nacht.

Oliver war glücklich, aber schon sehr müde. Da nahm ihn Pippi zur Seite und drückte ihm einen Briefumschlag in die Hand. Auf dem Umschlag stand: „Fräulein Pippilotta Langstrumpf, Villa Kunterbunt.“ „Hier ist der Beweis, den du mitnehmen sollst. Ich habe mir vor einiger Zeit einen Brief geschrieben, den ich eigentlich aufheben wollte, solange ich lebe. Aber nun erscheint es mir wichtiger, der Wahrheitskommission zu beweisen, dass es mich wirklich gibt. Und dieser Brief ist gleich ein doppelter Beweis. Ich habe ihn geschrieben und ich habe ihn bekommen. Möchtest du ihn dir noch ansehen, bevor du gehst?“

Oliver öffnete den Umschlag und las:

          MIE LIBE PIPPI, WIH GEET E?

          DIHR ? DU BIS DOCH NIECH KRANG?

          GIBS DU AUF DEINE GÄSUNTHEIT 8

          MIER GEET ES GUHT, BLOS MEINE

          10 TUN MIR WEEH VOHN DEM FIEH=

          LEN WAKELN: GESTERN HAT THOM=

          AS EIN 2K VOM BIERNBAUM APGEBROCHEN

          UNT 1 RATTE DOHT GEMACHT.

          FIELE GRIESSE FON

                            PIPPI

Während Oliver den Brief las, stieg langsam oranger Rauch auf und die Musik wurde leiser. Doch Pippis Stimme hörte er noch ganz laut und deutlich: „Und sag der Wahrheitskommission, wenn sie in meinem Brief Rechtschreibfehler finden, dann dürfen sie sich´s behalten!“

Noch einen dicken Abschiedskuss, und schon war Pippi samt Ballon verschwunden.

         

ZU DEN ILLUSTRATIONEN

 

Ansprechpartner: Prof. Barbara BRANDSTEIDL, Prof. Thomas KNOB, Prof. Franz LUX, Prof. Brigitte ZERLE
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