Literatur

 

 

Projekt "Fortsetzung folgt"

Ein Roman des GRg19

 

3. Kapitel (1C): Rebeccas Geheimnis

Es war schon fast zu einer Tradition geworden, dass sich am Vollmondabend die ganze Familie, Vater Frank, Mutter Barbara und ihre vier Kinder im Garten versammelten, um den Mond zu betrachten. Auch an diesem Tag sah es so aus, als ob einem gemütlichen, ruhigen Abend nichts im Wege stehen sollte. Rebecca, eines der vier Kinder, war ein junges, schlankes Mädchen von zwölf Jahren. Sie hatte blondes Haar und nussbraune Augen. Ihr Haar war kurz geschnitten und immer fein gekämmt. Ihre Fingernägel waren gold-gelb lackiert. Rebecca wartete schon sehnsüchtig auf einen der Helden, der sie abholen und mit ihr ein Abenteuer erleben sollte.

Aber auch diesmal verging der Abend, ohne dass etwas Besonderes geschah. Alle wünschten einander eine gute Nacht und gingen ins Bett. Nur Rebecca saß noch auf der Treppe und las in ihrem Buch ,,Die unendliche Geschichte". Da hörte sie plötzlich ganz oft ihren Namen:" Rebecca, Rebecca, Rebecca!" ,,Wer ist da?", fragte sie mit leiser Stimme. ,,Hilf mir! Hilf mir!"; ,,Wer ist da", fragte sie abermals, schon etwas lauter. ,,Schau zum Fenster, Rebecca!" Sie stand auf, öffnete das Fenster und stockte. Unter ihrem Fenster sah sie einen Buben, der ständig ihren Namen wiederholte. ,,Wer bist du?", fragte Rebecca. ,,Ich bin Atreju aus Phantasien. Schnell, komm mit, du musst mir helfen!" ,,Na endlich ich habe dich schon erwartet!", rief sie. ,,Aber du hast doch nur eine Nacht!", sagte Atreju. - ,,Ich komme!" Sie machte leise ihre Zimmertür zu und eilte die Treppe hinunter. Atreju wartete schon ungeduldig auf sie und führte sie zu einem hohlen Baum. Dieser hatte zwischen den Wurzeln ein Loch, durch das man hinein kriechen konnte. Rebecca folgte Atreju in den dunklen Hohlraum. Doch was war das?

Plötzlich standen sie auf einer duftenden Wiese. Es war auch hier Nacht, aber der helle Mond erleuchtete die zauberhafte Landschaft. Dem Mädchen blieb vor Staunen der Mund offen. Rings um sie herum wuchsen wunderschöne Blumen, deren Blüten zwar geschlossen waren, die aber dennoch schöner waren als die schönsten Blumen, die Rebecca je gesehen hatte. Schweigend machten sich die beiden nun auf den Weg. Zuerst ging es über die Wiese, wobei Rebecca darauf achtete, nicht auf die Blumen zu treten. Dann näherten sie sich einer hohen Felswand.

Bald erkannte das Mädchen einen Höhleneingang. Atreju blieb ein Stück entfernt stehen. Nun erklärte Atreju, warum er Rebecca so dringend brauchte: Sein Glücksdrache und er hatten in der Höhle übernachten wollen. Doch plötzlich war eine Schlange aufgetaucht, die die beiden bedroht hatte. Immer wieder hatte die Schlange Rebeccas Namen gezischt. Sobald sich die beiden der Schlange genähert hatten, drohte sie mit ihren Giftzähnen. Der Glücksdrache war so groß, dass er unmöglich an der Schlange vorbei kommen konnte, sie hätte ihn auf jeden Fall gebissen. So hatten sie eine List ersonnen. Der Glücksdrache hatte die Schlange abgelenkt und Atreju war unbemerkt ins Freie gehuscht und auf schnellstem Wege zum Haus der Familie Miller geeilt um Rebecca zu holen.

Rebecca näherte sich der Höhle und sah die Schlange. Mit erhobenem Kopf saß sie im Höhleneingang und zischte furchterregend. Was konnte sie von Rebecca wollen? Suchte sie nur ein zartes Opfer, weil ihr Fuchur ohnehin zu groß war? Rebecca lief es kalt über den Rücken.

Plötzlich drehte sich die Schlange um und Rebecca konnte ihren Kopf von vorne sehen. Kleine leuchtende Augen sahen sie mit einem stechenden Blick an. Das Maul war halb geöffnet, und zwei spitze Giftzähne ragten heraus. Rebecca blieb wie angewurzelt stehen. ,,Näher!" zischte die Schlange. Rebecca hielt den Atem an. Sie konnte ihr Herz klopfen hören. Dennoch fasste sie ihren ganzen Mut zusammen und schritt nahe an die Schlange heran. Doch diese rührte sich nicht und zischte nur: "Kuss!" Rebecca traute ihren Ohren nicht. Sie sollte diese grauenhafte Schlange küssen? Ob die Schlange sie doch noch fressen wollte? Aber eigentlich wäre es jetzt schon kein Problem für sie, Rebecca einen tödlichen Biss zu versetzen. Sie kämpfte noch eine Weile mit sich selbst, doch dann wusste sie plötzlich, dass dies die Gelegenheit war ihr eigenes Abenteuer zu erleben. So beugte sich das Mädchen zu der Schlange hinunter, schloss die Augen und gab ihr einen Kuss auf den Kopf.

Ein heller Blitz durchzuckte die Nacht, und plötzlich lag statt der Schlange ein Junge vor Rebecca. Er schaute zu ihr auf und seufzte: ,,Entschuldige bitte. Mein Name ist Lusi. Ich war lange verzaubert und wusste keinen Ausweg mehr. Wie hätte sonst ein Mädchen mit dem Namen Rebecca eine Schlange wie mich geküsst? Bitte verzeih' mir!"

Fuchur und Atreju waren nun auch zu den beiden gekommen und dankten Rebecca für ihre heldenhafte Tat. Die leere Schlangenhaut lag auf dem Boden. Atreju hob sie auf. Sie hatte eine Besonderheit. Die Giftzähne, die Lusi nun nicht mehr brauchte, hingen daran. Atreju überreichte sie Rebecca und meinte:,, Nimm sie mit und bringe sie den Menschen mit, als Beweisstück für die Existenz von Phantasien, Lusi, Fuchur und mir."

Rebecca rollte die Schlangenhaut vorsichtig ein, sodass die Giftzähne innen blieben und sie sich nicht daran verletzen konnte. Dann verabschiedete sie sich von Atreju und Fuchur. Sie bot ihnen ihre Hilfe an, wann immer sie sie wieder brauchten. Langsam wurde der Himmel heller und es begann zu dämmern. Rebecca eilte durch die Blumenwiese zurück. Sie genoss noch einmal den süßen Duft und die wunderschönen Blüten, die nun begannen, sich langsam zu öffnen.

Dann kroch sie rasch wieder durch den Baum zurück in ihren Garten. Sie beeilte sich, wieder in ihr Bett zu kommen, denn was würden die Leute denken, wenn ein Mädchen im Nachthemd beim Morgengrauen durch den Garten spazierte? Endlich war sie wieder in ihrem Zimmer und betrachtete die Schlangenhaut. Rebecca hatte Zweifel gehabt, ob es möglich ist, etwas von Phantasien in ihre Welt zurück zu bringen. Aber die Schlangenhaut war der Beweis, dass es tatsächlich geschehen war.

Sie freute sich schon darauf ihrer Familie beim Frühstück von ihrem Abenteuer zu erzählen. Nur das Geheimnis ihres ersten Kusses würde sie für sich behalten ....

 

         

ZU DEN ILLUSTRATIONEN

 

Ansprechpartner: Prof. Barbara BRANDSTEIDL, Prof. Thomas KNOB, Prof. Franz LUX, Prof. Brigitte ZERLE
* m@ilto:lux, * m@ilto:brandsteidl/knob/zerle


WEGWEISER