Literatur

 

 

Projekt "Fortsetzung folgt"

Ein Roman des GRg19

 

2. Kapitel (1B): Unterwegs mit Nils Holgerson

Einige Tage vergingen, ohne dass irgend etwas Auffälliges geschah. Tom, Rebecca, Oliver und Alice gingen in die Schule, schrieben Schularbeiten und Tests, aber eigentlich warteten  alle gespannt auf den nächsten Abgesandten aus der Welt der Literatur. Abends saß die Familie oft beisammen und jeder erzählte von seiner Lieblingsfigur, die er gerne in ihre Welt begleiten würde.

Eines Morgens während des Frühstücks drang vom Garten ein lautes Schnattern und ein quietschendes Geräusch herein. Tom stürzte als Erster zum Fenster, gefolgt von Oliver, Rebecca und Alice, die lautstark protestierten: „Nicht schon wieder du! Wir wollen auch ein Abenteuer erleben!“ Draußen landete unter lautem Geschnatter und heftigem Flügelschlagen eine prächtige, wohlgenährte Gans, die mit gestreckten Beinen versuchte, auf dem glatten Rasen rechtzeitig zum Stehen zu kommen. Es gelang beinahe, die Landung endete mit einem relativ sanften Aufprall an der Tür. Als die Kinder die Tür aufrissen, staunten sie über das kleine Männlein in Holzschuhen und einer bunten Zipfelmütze, das rasch vom Rücken der Gans herabglitt und atemlos hervorsprudelte: „Ich bin Nils Holgersson und das ist der Gänserich Martin. – Wer von euch möchte mit mir mitkommen?“

 „Ich!“, rief Oliver und versuchte Tom zurückzudrängen. „Darf ich auch etwas sagen?“, schaltete sich der Gänserich ein, „Vielleicht wäre es möglich, den Jüngsten und Leichtesten von euch zu schicken...“ In diesem Augenblick ertönte über ihnen ein fast ohrenbetäubendes Geschnatter. Ein riesiger Gänseschwarm zog über sie hinweg. Alle sahen gebannt und mit offenem Mund zum Himmel hinauf. Sogar Herr und Frau  Miller, die herbeigeeilt waren, um Frieden und Ruhe zu stiften, fiel dazu nichts ein. Als sie die Köpfe wieder senkten, waren Nils, der Gänserich und Tom verschwunden.

"Gibt es eigentlich etwas Schöneres als auf dem Rücken einer Gans zu fliegen und die Welt von oben sehen zu können?“ Tom war sich sicher, dass er noch nie etwas Aufregenderes erlebt hatte. Er war so begeistert, dass es ihm gar nicht richtig auffiel, dass er auch so klein wie Nils geworden war. Er saß hinter Nils auf dem Rücken des Gänserichs und hielt sich an Martins Federn fest. Unter ihnen lagen Wiesen und Wälder, Städte und Flüsse. Von ferne glitzerte das Meer. „Soll ich dir zeigen, wo ich die Stadt vom Meeresgrund gesehen habe? Vielleicht finden wir ja auch die rostige Münze. Das wäre ein gutes Beweisstück für die Wahrheitskommission. Hätte ich sie damals nicht achtlos weggeworfen, wäre die Stadt nicht wieder für 100 Jahre auf den Grund des Meeres gesunken.“, sagte Nils jetzt ganz betrübt. „Sei nicht traurig, ich helfe sie dir suchen!“, tröstete ihn Tom.   Martin landete diesmal ganz sanft auf dem weichen Sand. Tom, der sich ja besonders für das Mittelalter interessierte, wollte genau wissen, wie die Stadt ausgesehen hat und wie die Menschen gekleidet waren. Sie unterhielten sich angeregt und vergaßen, wie schnell die Zeit verging. Es war schon knapp vor Sonnenuntergang und sie hatten die Münze noch immer nicht gefunden. Da rauschte es über ihnen in der Luft. Der Storch Herr Ermenrich ließ sich neben ihnen nieder, im Schnabel hielt er die Münze. „Da hast du sie, Tom, und sage allen, dass es uns gibt!“ – „Vielen Dank, Herr Ermenrich!“, konnte Nils noch rufen, da hatte sich der majestätische Vogel schon wieder in die Lüfte geschwungen und verschwand im Abendrot.

Nils und Tom kletterten rasch auf den Rücken des Gänserich. Nun flogen sie durch die anbrechende Nacht zu Nils Elternhaus. Sie planten nur kurz dort zu landen und sich im Schutz der Dunkelheit ein wenig umzusehen. Martin wollte auch seiner Frau Daunenfein und seinen Kindern seinen ehemaligen Heimathof zeigen. Aber es sollte ganz anders kommen.

Die Landung wäre diesmal recht gut gegangen, wenn nicht kurz davor ein starker Wind zu blasen begonnen hätte. So kam es wieder fast zu einer Bruchlandung neben dem Pferd, das sich gerade zur Ruhe gelegt hatte. „Nils? Du?“, fragte es ganz erstaunt. – „Keine Sorge, er ist vernünftig geworden!“, beruhigte es Martin. Nils tat, als ob er nichts gehört hätte und fragte das Pferd statt dessen: „Wieso verziehst du dein Gesicht so sehr?“ – „Es ist mein Huf“, antwortete das Tier. „Er tut so furchtbar weh, dass ich schon ganz lahm geworden bin.“ Nils untersuchte den Huf und entdeckte bald die Ursache der Schmerzen. Das Pferd hatte sich einen Eisensplitter eingetreten. Nils schrieb etwas auf den Huf, das Tom nicht verstehen konnte. Zufrieden wandte er sich um, da hörten sie lautes Geschnatter. Sie konnten gerade noch sehen, wie Nils Vater und Mutter mit Martin und Daunenfein im Haus verschwanden, um sie zu schlachten. „Tom, hilf mir, wir müssen die Gänse retten!“, rief Nils. Er wollte schon losrennen, da fiel ihm etwas ein. Er zog seine Holzpantoffeln aus und gab sie Tom. „Noch ein Beweis!“, flüsterte er. Da wurde Tom von einem roten Rauch umhüllt. Das Letzte, das er sah, war, wie Nils zu wachsen begann. Aber bald war diese Welt hinter einem roten Schleier verschwunden.

Langsam löste sich der Rauch auf und Tom befand sich im Wohnzimmer der elterlichen Wohnung. Die Geschwister waren ganz vertieft in die Lektüre ihrer Bücher. Merkten sie nicht, dass er im Zimmer stand oder ignorierten sie ihn einfach? Toms Stimme klang unsicher, als er „Hallo!“ sagte, denn er merkte, dass er sich jetzt auf etwas gefasst machen musste. „Also, wieder da!“, begann Alice mit einer Stimme, die nichts Gutes vermuten ließ.

„Haut ab, ohne ein Wort zu sagen!“, ergänzte Oliver und stand auf. „Und das, obwohl ich dran war!“, rief Rebecca dazwischen. „Wie, bitte?“, kam es aus Olivers Mund. – Tom hielt ihnen die winzigen Holzschuhe und die rostige Münze entgegen. Da vergaßen sie ihren Ärger, lagerten bequem auf den Sitzpolstern und lauschten gebannt seinen Worten.

 

         

ZU DEN ILLUSTRATIONEN

 

Ansprechpartner: Prof. Barbara BRANDSTEIDL, Prof. Thomas KNOB, Prof. Franz LUX, Prof. Brigitte ZERLE
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