Literatur

 

Projekt "Fortsetzung folgt"

Ein Roman des GRg19

 

Epilog: Die fast leere Bibliothek

Der große Tag war gekommen! Die Familie Miller war ungemein aufgeregt, alle brauchten weitaus länger, um fertig zu werden. Wie würde dieser Tag wohl verlaufen? Noch nie hatten sich die Kinder vorgestellt, wie es vor einer Wahrheitskommission zugehen würde. Würden da Richter stehen, die einen als Zeugen aufrufen; hatte man sich da einen riesengroßen Flohmarkt vorzustellen, auf dem man seine Beweisstücke anbieten musste?

Mutter Barbara rief zur Eile. Man wollte doch nicht zu spät kommen.

Der Lieferwagen war startbereit, man hatte ihn schon am Abend zuvor beladen. Waren auch wirklich alle Beweise drin? Betrachten wir einmal den Lieferschein:

 

Sindbads Steuerrad und Karte
Nils Holgerssons winzige Holzschuhe und die rostige Münze
Schlangenhaut und giftige Zähne vom Abenteuer mit Atreju
Die Harfe von Troubadix
Glasstücke
Ein Stück Liane
Das Schwert aus Narnia
Die goldene Kette von Eragon
Ein Bündel Haare des Werwolfs
Ein antikes Schwert
Ein Brief von Pippi Langstrumpf an sich selbst
Ein goldener Zahn der Hydra
Ein versteinertes Schlangenhaar der Medusa
Das Boot des Odysseus
Eine Rüstung der Orks
Ein Laser-Schwert von Darth Vader
Eine Drachenschuppe
Ein Fläschchen mit Drachenblut
Das Schwert Balmung und der Speer
Das Bildnis des Dorian Gray
Die Rose des kleinen Prinzen
Die Brille von Mutter Barbara
Eine blutbefleckte Tic Tac – Dose
Vaters Ehering
Toms Schnürsenkel
Ein Bettlerarmband

 

Stolz waren sie gewesen, als sie all die tollen Erlebnisbeweise einräumten. Im Grunde ihres Herzens wollten sie sie ja nicht hergeben, aber sie wussten, dass sie sie würden hergeben müssen. Das war ja der Grund gewesen, warum sie sie erworben hatten.

Ein paar Minuten später saßen sie alle im Lastwagen: Vater fuhr, das ließ er sich nicht nehmen. Mutter Barbara nahm auf dem Beifahrersitz Platz, die Kinder machten es sich zwischen den Phantasieobjekten auf der Ladefläche gemütlich. Vater fuhr sehr vorsichtig, damit die Kinder nicht hin- und hergeschleudert wurden.

So kamen sie zum Rathaus der Stadt. Vater fand recht bald einen Parkplatz, knapp hinter einem Altpapier-Müllwagen. Die Kinder hüpften von der Ladefläche, Vater und Mutter stiegen aus. Die Eltern begaben sich zum Eingang, während die Kinder beim Auto warten sollten. Es war nicht ganz klar, wohin sie sich wenden sollten.

Frank und Barbara betraten das Rathaus und suchten nach einem Hinweisschild. Irgendwo müsste doch etwas zu lesen sein, wenn eine europäische Wahrheitskommission in der Stadt wäre. Aber da war nichts! Beim Portier war auch nichts zu erfahren, der lächelte nur über die seltsamen Fragen.

Was war davon zu halten? Hatten sie sich geirrt? Falsches Datum? Falscher Ort? War das alles nur ein großer Unsinn? Die Gedanken rasten, die Verzweiflung wuchs.

„Gestatten? Darf ich da mal durch?“

Ein Müllmann wollte zur Tür hinaus, Frank und Barbara waren in ihrer Ratlosigkeit im Wege gestanden. „Oh, Verzeihung,“ antworteten sie wie aus einem Munde. Der Mann schob seinen Lastkarren an ihnen vorbei und murrte ein wenig. Sie sahen ihm nach, wie er die Tür aufstoßen wollte. Dabei fiel ihm etwas vom Wagen.

Frank wollte weiter nach der Kommission suchen, Barbara musste zu den Kindern. Sie rannte zum Tor und hob das Paket auf, das dem Mann vom Wagen gefallen war. Es war ein Buch! „Sindbad der Seefahrer“, in einer antiquarischen Ausgabe!

Blitzschnell schoss es ihr durch den Kopf!

„Was machen Sie da?“, fragte sie den Müllmann.

„Meine Arbeit. Altpapiersammlung.“

„Aber doch nicht so ein schönes Buch! Das kann doch niemand zum Altpapier geben!“

„Das ist doch schon altes Papier. Wer braucht denn so was heute noch?“

„Sind das alles Bücher?“

„Ja, die Bibliothek wird ausgeräumt. Kommt alles weg.“

Frank hatte den Disput mitbekommen und war hinzu getreten. Gemeinsam mit seiner Frau durchsuchte er den Wagen und sie erkannten sehr schnell, dass es höchste Zeit war einzugreifen.

„Wo ist die Bibliothek?“, fragte Barbara.

„Im Keller. Dort hinten ist die Stiege.“

Sofort lief Frank zum Stiegenhaus. „Hol die Kinder und komm mit ihnen nach!“

Barbara rannte zu den Kindern, die in der Zwischenzeit mit dem anderen Müllmann gesprochen und auch schon Verdacht geschöpft hatten.

„Mama, die räumen alle Bücher weg!“

„Kommt! Wir müssen in die Bibliothek!“

In Windeseile waren sie in der Bibliothek angekommen, die gespenstisch leer zu sein schien. Wo war Vater? Wo waren all die tollen Bücher? Leere Regale, so weit das Auge reichte. Im düsteren Schein des Tageslichts, das durch ein kleines Kellerfenster drang, erkannten sie das letzte noch halbwegs gefüllte Regal. Die Kinder stürzten hin.

„Halt!“

Ein grausiger Ruf schallte durch die Kellerräume.

„Halt! Im Namen der Kommission für Wahrheit und Realität. Nehmen Sie die Finger weg!!

Da stand ein riesiger Mann, hinter ihm andere Frauen und Männer in weißen Mänteln. Zwei von ihnen hielten Frank Miller fest.

„Wir müssen die Polizei rufen, wenn Sie sich weiterhin in unsere Ermittlungen einmischen.“

„Was machen Sie mit meinem Mann?“, fragte Barbara.

Der Riese antwortete: „Er faselte etwas von Beweisen, begann mit meinen Mitarbeitern zu raufen und störte unsere Tätigkeit. Wir sind beauftragt, dieses ganze Geschmiere zu entsorgen. Alles Unsinn, alles erstunken und erlogen. Wir haben bis heute gewartet, aber niemand konnte uns das Gegenteil beweisen. Jetzt ist Schluss!“

„Ich kann es beweisen.“

Rebecca hatte ganz leise gesprochen. Jetzt nahm sie das Haar der Medusa hervor und im nächsten Moment war der Riese versteinert. Oliver zog den Zahn der Hydra heraus und stach zu. Alice träufelte einem erstarrten Beamten ein Tröpfchen vom Drachenblut auf die Nase und Tom kitzelte eine Mitarbeiterin der Kommission mit den Werwolfshaaren.

In diesem Moment begann in den hintersten Winkeln ein Mädchen leise zu singen. Man konnte sie nicht sehen, aber immer mehr unsichtbare Personen stimmten mit ein. Es war ein gewaltiger Chor der Phantasie, der da ganz leise eine Hymne auf die andere Welt in den Romanen und Märchen, den Theaterstücken und in den Gedichten sang.

Rebecca versteckte das Haar wieder, und der Riese bewegte sich.

„Sie wollen also beweisen, dass die da alle wirklich existieren?“, fragte er und war jetzt viel freundlicher.

„Ja, das wollen wir und das können wir auch. Wir haben einen ganzen Lastwagen voller Beweise!“, ereiferte sich Barbara und wies zum Fenster hinaus.

„Na, dann wollen wir zur Beweisaufnahme schreiten,“ rief der Riese aus. Er setzte sich an einen Tisch, links und rechts von ihm die Mitglieder seiner Kommission. Und jetzt hörten sie sich eine Geschichte nach der anderen an, geduldig und interessiert. Und während die Familie Miller erzählte und erzählte, brachten die Müllmänner alle Beweise herein, von der Harfe des Troubadix bis zum Boot des Odysseus.

Als es keine Erzählung mehr gab, alle Beweise katalogisiert waren und sich sämtliche  Familienmitglieder auch selbst als Figuren von drüben bewiesen hatten, erhob sich der Kommissar für Wahrheit und Realität und sprach:

„Kraft meines Amtes erkläre ich die Welt der Phantasie für existent und wirklich. Die Familie Miller beauftrage ich, in den Räumen der Stadtbibliothek ein Museum für Phantasie und Wirklichkeit einzurichten. Die Verhandlung ist geschlossen!“

Jetzt war kein Halten mehr. Alle sangen, schrien, fielen einander in die Arme, küssten ihre Schwestern und Brüder oder freuten sich ganz leise und zerdrückten eine Träne der Rührung.

Alice, Frank, Barbara, Tom, Rebecca und Oliver tanzten im Kreis und schlossen auch tanzwillige Kommissionsmitglieder in den Reigen ein. Und das bis spät in die Nacht.

Müde kamen sie nach Hause, schlichen bei der Tür herein und verschwanden sofort in ihren Zimmern. Sie fielen ungemein zufrieden in ihre Betten und schliefen sofort ein.

So haben sie nie erfahren, dass in der Küche jemand saß und auf sie wartete.

 

         

 

Ansprechpartner: Prof. Barbara BRANDSTEIDL, Prof. Thomas KNOB, Prof. Franz LUX, Prof. Brigitte ZERLE
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