Literatur

 

Projekt "Fortsetzung folgt"

Ein Roman des GRg19

 

13. Kapitel (4D): Alices Zweifel

Schweißgebadet schreckte Alice in die Höhe und rang nach Luft. Um sie herum war es stockfinster. Noch einmal sah sie die Bilder vor sich, die sich gerade vor ihrem inneren Auge abgespielt hatten. Jetzt erst wurde ihr bewusst, dass es sich wohl um einen Traum, einen ganz schrecklichen Traum gehandelt haben musste. Die Handlung war ungefähr folgende: Sie befand sich auf einer Wiese voller bunter Blumen. Wohin man sah, blühte es und die Sonne brannte vom Himmel. So weit, so gut. Bis dahin noch kein Grund in Panik auszubrechen. Doch plötzlich begann sich alles zu drehen. Ihr wurde schwindlig und schwarz vor Augen. Als sie die Augen wieder öffnete, befand sie sich in einem dunklen und düsteren Hinterhof. Er war mit groben Ziegelsteinen gepflastert, auf die dicke Regentropfen klatschten. Sie sah sich um: Zirka 15 Meter von ihr entfernt standen vier Männer im Halbkreis und starrten auf irgendetwas, was vor ihnen am Boden lag. Plötzlich hörte sie hinter sich schnelle Schritte, und bevor sie noch reagieren konnte, stürzte eine Gestalt mit dunklem, weitem Mantel, etwas längerem Haar und schwarzem Zylinder an ihr vorbei. Er rannte auf die kleine Menschenansammlung zu, hielt kurz inne, starrte auf den Boden, fiel auf die Knie und brach in Tränen aus. Alice nahm all ihren Mut zusammen und ging Schritt für Schritt auf die Gruppe zu und hoffte, dass sich ihr schlimmer Verdacht nicht bestätigen würde. Als sie nur mehr weniger Meter entfernt war, trat überraschend einer der Männer zur Seite und gab so die Sicht auf den blutüberströmten Kopf eines jungen Mannes frei. Sie schlug sich die Hände vors Gesicht und versuchte einen Schrei zu unterdrücken, aber es gelang ihr nicht wirklich. Ein kurzer, spitzer Schrei löste sich und sie fühlte, wie ihr Herz zu rasen begann. Sie war überrascht, dass sie trotz ihres Ausrufes noch immer unbemerkt geblieben war. Inzwischen hatten die Männer ein Gespräch begonnen, welchem sie allerdings nicht folgen konnte, da es in einer anderen Sprache geführt wurde. Nach zehn Minuten legten sie dem Mann, der zuvor herbeigeeilt war, Handschellen an, worüber sich dieser sichtlich wunderte. Bleich im Gesicht lächelte er verlegen und schien das Ganze für einen schlechten Scherz zu halten. Als sie ihn aber in Richtung einer Art Pferdekutsche mit einem käfigartigen Aufsatz führten, begann er fürchterlich zu schreien und blickte dabei Hilfe suchend in ihre Richtung.

Alice war jetzt viel zu aufgeregt, um einfach weiter zu schlafen. Sie ging den schmalen Korridor entlang, der nur von einer Kerze schwach erleuchtet wurde. Ihr Ziel war die Küche, wo sie sich mit einem Glas Wasser erfrischen und die Erinnerung an den Traum verscheuchen wollte. Noch etwas schläfrig tapste sie auf die Tür zu und stieß sie auf. Sie blickte auf und erschrak. Da, genau vor ihr beim Küchentisch saß jemand. Er saß einfach da, die Beine lässig überkreuzt und mit einem Zylinder auf dem Kopf, den er sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Alice stand da wie angewurzelt und machte keine Anstalten, sich zu bewegen. Der Fremde wandte sich ihr zu, und da sie bisher nichts gesagt hatte, ergriff der Unbekannte die Initiative, legte den Zylinder ab und erhob sich. Er war ziemlich groß und hatte ein, wie sie sich eingestehen musste, wunderschönes und überaus einnehmendes Gesicht. Er schaute sie an, lächelte freundlich und sagte: „Hallo Alice, schön dich zu sehen.“ „Wer sind Sie und was wollen Sie hier? Ich warne Sie, meine Eltern und meine Geschwister sind gleich nebenan!“

Er schüttelte nur sanft den Kopf. „Ich glaube, Du verstehst nicht ganz. Du müsstest mich eigentlich kennen. Hast du nicht unlängst von mir gelesen? Hast du nicht eben von mir geträumt? Ich bin Dorian Gray und ich bin nicht hier, um die etwas anzutun, im Gegenteil, ich möchte dich um Hilfe bitten.“ Er machte eine kurze Atempause und fügte mit einem grimmigen Grinsen hinzu: „Ich werde dich schon nicht umbringen, schließlich weißt du Dinge über mich, die für mich überlebensnotwendig sind.“ „Aber ich habe doch keine Ahnung, wie ich Ihnen helfen kann.“ „Oh doch, das glaube ich schon. Immerhin warst du ja im Traum schon dort, als stumme Zeugin sozusagen, und hast in meine Zukunft geblickt.“ „Versteh ich das richtig? Ich soll beweisen, dass Sie vor über hundert Jahren niemanden ermordet haben?“ „Das ist wohl exakt! Also darauf läuft mein Leben hinaus. Du musst mir helfen, diesen Entwicklungen gewappnet zu begegnen, und dafür musst du in meine Zeit und meine Welt mitkommen.“ „Aber meine Eltern ... und ich muss doch ...“ „Mach dir darüber keine Sorgen! Bevor irgendjemand merkt, dass du fehlst, bist du wahrscheinlich schon zurück.“ Alice zögerte, willigte aber schließlich ein. Eine Frage hatte sie allerdings noch: „Wie kommen wir von hier ins London des ausgehenden 19. Jahrhunderts?“ „Einfach durch eure Haustür, den Rest kannst du mir überlassen“, säuselte Dorian mit einem breiten Grinsen. Daraufhin wandten sie sich der Tür zu, wieder begann sich alles zu drehen und dann wurde es Alice schwarz vor Augen.

Als Alice in Dorians Welt erwachte, stellte sie fest, dass sie sich auf einer riesigen Wiese mit Blumen jeglicher Art befand. Nur wenige Meter von ihr entfernt stand Dorian, der zu ihr trat und ihr die Hand reichte. Dieser Moment dauerte nur wenige Sekunden, doch für Alice währte er einige Minuten.

Dorian half Alice auf und sie sah nun, dass die Wiese direkt an ein großes, elegantes Palais grenzte, das sich unschwer als Dorians Besitz erahnen ließ, schließlich hatte Alice von seinem ungeheuren Reichtum bereits gelesen. Sie gingen hinein, worauf Dorian Alice einen Tee anbot. Alice setzte sich in Dorians Wohnzimmer auf ein riesiges samtbezogenes Sofa. Als sie sich umschaute, sah sie jede Menge wertvoller Gegenstände wie z. B. prachtvolle alte Wandteppiche, wunderschönes Porzellan und luxuriöse Möbel. Als Dorian mit dem Tee kam, setzte er sich zu ihr, und sie fingen an, über sein Problem zu sprechen.

„Ich brauche deine Hilfe, denn ich habe mich mit Sibyl, meiner Freundin, nach einer katastrophalen Theateraufführung gestritten, was ich jetzt zutiefst bedaure. Ich benötige nun deinen Rat.“ Alice antwortete ihm: „Nein, ist es wirklich schon so weit, haben Sie dich bereits von ihr getrennt?“ „Ja, so könnte man es auch nennen, aber warum fragst du?“ Alice erwiderte sofort: „Sybil will sich töten, wir müssen rasch zu ihr!“

Nach einer hastigen Fahrt in Dorians Kutsche durch das nebelige London kamen sie bei Sybils Haus an. Alice sprang aus der Kutsche, gefolgt von Dorian, sie eilten zur Wohnung und hämmerten mit festen Faustschlägen gegen ihre Tür. Doch nachdem niemand öffnete, trat Dorian zwei Schritte zurück und brach sie mit einem heftigen Stoß auf. Alice rannte vor und suchte Sybil. Dorian folgte ihr, doch es war Alice, die als Erste die schreckliche Entdeckung machte: Sybil hatte sich vergiftet und ihre Leiche lag in vor Schmerz gekrümmter Lage auf dem Fußboden ihres Schlafzimmers. Zwar versuchte Dorian Sybil wiederzubeleben, aber seine Versuche mussten fehlschlagen. Er hielt sie in seinen Armen und brach in Tränen aus. Er fühlte sich am Ende. Alice gesellte sich zu ihm und versuchte ihn zu trösten.

Einige Augenblicke später hörte man eine Stimme rufen: „Hallo, Sybil, bist du zu Hause?“ Alice befürchtete sofort, dass es Sybils Bruder Jim Vane wäre, und so versuchte sie Dorian beiseite zu ziehen, um sich rasch zu verstecken, aber es war zu spät. Ein Mann, Jim Vane, wie sie richtig vermutet hatte, rannte in Sybils Schlafzimmer, doch was er da erblickte, gefiel ihm ganz und gar nicht. Er sah seine tote Schwester in den Armen Dorians. In diesem Moment verspürte er Trauer und Hass zugleich, und es war nicht gewiss, welches Gefühl stärker war. Er schrie mit Tränen in den Augen: „Was hast du getan, du mieser Hund! Dafür wirst du büßen!“ Jim verständigte sofort die Polizei, worauf diese in kürzester Zeit ankam und Dorian zu vernehmen begann. Schließlich sollte er festgenommen werden, doch Alice schrie auf und versicherte glaubhaft der Polizei, dass Dorians Aussage wahr sei. Als die Polizei nun Anstalten machte, Dorian wieder freizulassen, schwor Jim blutige Rache und stürzte davon.

Am nächsten Morgen wollte Dorian mit Alice zu Sybils Beerdigung gehen. Er ging gemütlichen Schrittes in das Gästezimmer und wollte Alice mit einem Frühstück im Bett überraschen. Nachdem er mehrfach angeklopft und keine Antwort erhalten hatte, betrat Dorian das Zimmer, doch Alice war nicht darin. Dafür fand sich ein Brief mit Jims Unterschrift auf dem Nachtkästchen. Dorian befürchtete Schlimmstes und öffnete ihn mit zittriger Hand. Darin stand, dass Jim Alice entführt habe und Dorian sie nur befreien könne, wenn er sich einem Degenduell stelle, das in zwei Tagen stattfinden würde.

Obwohl Dorian ein guter Fechter war, bereitete er sich in den folgenden zwei Tagen ernsthaft auf den Kampf seines Lebens vor. Er hatte in seinem Freund Lord Henry einen guten Trainingspartner gefunden und übte Tag und Nacht verschiedene Techniken und tödliche Stöße. Schließlich war die Stunde der Entscheidung gekommen, und Dorian begab sich an den vereinbarten Ort, einen düsteren und menschenleeren Hinterhof in den ärmeren Vororten Londons. Einige Zeit zeigte sich niemand. Dorian stellte sich gespannt die Frage, ob Jim wohl kommen und wer wohl gewinnen würde.

Schließlich trat ein mit einem Degen bewaffneter Mann aus einem Haus. Er hatte einen groben, prall gefüllten Leinensack über der Schulter. Als er sich zu Dorian drehte, erkannte dieser sogleich, dass es Jim war. „Wie geht es Alice und wo ist sie?“ „Ihr geht es gut, sie ist nur bewusstlos“, sprach Jim, als er vorsichtig den Sack zu Boden legte, ihn aufschnitt und Alice zum Vorschein kam.

Nach einigen weiteren Augenblicken starteten sie das Duell. Dorian schlug als Erster mit einem vertikalen Hieb zu, doch Jim parierte dessen Attacke und konterte mit einem Seitenhieb. Dorian fiel blutend zu Boden, rappelte sich aber rasch wieder auf und schlug wie ein Berserker auf Jim ein. Seine Wunde fing durch die raschen Bewegungen immer mehr zu bluten an, und er wusste, dass er seinen Gegner besiegen musste, bevor ihn der Blutverlust kampfunfähig machen würde. Mit einem letzten energischen Ausfall gelang es ihm, Jim schwer zu treffen. Der Lärm, der den Kampf begleitet hatte, war mittlerweile nicht ungehört geblieben. Fast zur selben Zeit, als Jim zu Boden ging, trafen vier Polizisten am Ort des Geschehens ein, entrissen Dorian den Degen und umstellten halbkreisförmig den tödlich verletzten Jim. Als sie Dorian verhafteten, wandte er seinen Blick Hilfe suchend zu der am Boden liegenden Alice. Das war der Moment, in dem Alice wieder zu Bewusstsein kam. Sie konnte der Polizei von der Entführung und den Absichten Jims erzählen und dadurch Dorian entlasten.

Tage waren vergangen, Dorian war von Alice gepflegt worden, und für Alice wurde es Zeit, wieder zu ihrer Familie zurückzukehren. Immer und immer wieder hatte sich Dorian für Alices Beistand bedankt, nun umarmte er sie und verriet ihr, dass er noch ein Geschenk für sie habe: „Schau einmal her, dieses Bild, das einmal mein Freund Basil Hallward von mir gemalt hat, schenke ich dir. Es soll der Beweis sein, dass du in meiner Welt warst.“ Sie umarmten sich nochmals und Alice wurde es plötzlich schwarz vor Augen.

 „Alice, Alice, wach auf!“ Alice öffnete langsam ihre Augen. Sie sah ihre Mutter, die ihr sanft über die Wangen strich. „Schatz, du musst langsam aufstehen, du hast verschlafen und es ist jetzt schon zwei Uhr nachmittags. Deine Freundinnen kommen in einer Stunde. Hast du das vergessen?“ Alice setzte sich im Bett auf, stellte erleichtert fest, dass sie sich wohlbehalten in ihrem Daheim befand, und sagte: „Dorian, Mama, ich war bei Dorian Gray. Mein Abenteuer, es war ... es war einfach unglaublich.“ „Kind, das kann nicht sein, ich habe ungefähr jede halbe Stunde nach dir gesehen, um zu sehen, ob du schon aufgewacht bist“, sagte ihre Mutter. „Aber das Bild, das Bildnis des Dorian Gray, ich bin mir sicher, das ich es von ihm bekommen habe“, sagte Alice verzweifelt. Ihre Mutter aber meinte: „Das hast du bestimmt nur geträumt, die abenteuerlichen Geschichten deiner Geschwister werden ihre Spuren hinterlassen haben.“ Alice sprang aus dem Bett und schrie empört los: „Das habe ich nicht geträumt, da bin ich mir ganz sicher!“ Sie lief zu allen Schubladen und Kästen, riss sie auf, besah sich selbst die verborgensten Winkel ihres Zimmers, doch nirgends fand sie das gesuchte Bild. Erschöpft und enttäuscht sank sie zu Boden und fragte sich: „War das wirklich nur ein Traum?“ Aber dann stand sie auf und schüttelte den Kopf: „Nein, das kann kein Traum gewesen sein.“ Sie rannte aus dem Zimmer und suchte überall im Haus, doch vergeblich. Jetzt fehlte nur noch der Keller. Sie nahm sich die Taschenlampe, die beim Treppenanfang lag, und ging hinunter. Sie durchsuchte den ganzen Raum, aber nirgends war das Bild zu entdecken. Als sie bereits zurückgehen wollte, stolperte sie über etwas. Sie leuchtete hin, und was sie sah, erschreckte sie: Es war ein Buch, „Das Bildnis des Dorian Gray“. Flüsternd sprach sie: „Wie kommt das Buch aus meinem Zimmer hierher?“ Sie schlug es auf und zu ihrer Verwunderung waren die Seiten leer. Da, auf der letzten Seite stand doch etwas: „Jakobstraße 35“. „Ist das nicht die Adresse der alten Zentralbank? Was hat das denn zu bedeuten?“ Plötzlich hörte sie von oben: „Alice, beeil dich, deine Freundinnen sind bald da.“ Alice rannte schnell hinauf in ihr Zimmer, machte sich fertig und besah sich dann erneut das Buch, aber sie konnte keinen weiteren Hinweis finden, der ihr die rätselhafte Eintragung erläuterte. Schließlich läutete es an der Tür. „Alice, deine Freundinnen sind da“, hörte sie ihre Mutter. Alice gab daher das Rätsel auf und öffnete ihnen.

„Hallo, kommt doch rein!“ „Gerne“, erwiderten beide, doch noch bevor sie eintraten, fragte eine: „Was hat diese Zahl an eurer Tür zu bedeuten?“ Alice schaute auf die Außenseite der Tür und sah in altertümlicher Schrift die Ziffer 153. „153? Na klar, ich hab’s. Im Schließfach 153 in der Zentralbank in der Jakobstaße. Was da wohl drinnen ist?“ Alice ließ ihre verdutzten Freundinnen einfach stehen und lief los.

Als sie die Jakobstraße erreichte, erblickte sie sofort das alte ehrwürdige Gebäude der Zentralbank, das nun schon fast 120 Jahre alt war und Alice an die Architektur aus ihrem vermeintlichen Traum erinnerte. Sie betrat es und ging gleich an einen Schalter. Weil sie nicht wusste, was sie eigentlich sagen sollte, murmelte sie nur: „Im Schließfach 153.“ Die Dame am Schalter schien aber nicht verwundert: „Ah, mir wurde schon mitgeteilt, dass Sie heute kommen würden.“ Sie erhob sich und führte Alice zu dem großen Raum mit den Schließfächern. Diese waren ziemlich alt, aber die schönen Verzierungen weckten unbestimmte Hoffnungen in Alice. Als die Frau das Schließfach mit der Nummer 153 öffnete, waren Alice Erwartungen aufs höchste gespannt. Was würde sich wohl darinnen befinden? Die Frau zog einen großen flachen Gegenstand heraus, und als Alice sah, was es war, zog ein befriedigtes Lächeln über ihr Gesicht. Es war das Bildnis des Dorian Gray.

 

         

ZU DEN ILLUSTRATIONEN

 

Ansprechpartner: Prof. Barbara BRANDSTEIDL, Prof. Thomas KNOB, Prof. Franz LUX, Prof. Brigitte ZERLE
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