Literatur

 

Projekt "Fortsetzung folgt"

Ein Roman des GRg19

 

12. Kapitel (3D): Der Retter der Nibelungen

Eines Abends, draußen blitzte und donnerte es sehr, saß die Familie Miller wieder einmal beisammen beim Essen. Es gab Pariser Schnitzel mit Pommes und Fanta. Während die Kinder aßen, hoffte jedes, dass es wieder von einem Helden mitgenommen werden durfte. So führten sie die Gabel fast träumerisch zum Mund, sodass sie sehr lange mit dem Essen brauchten. Nach einiger Zeit wurden die Eltern müde und gingen schlafen. Die Kinder dagegen waren alle noch sehr munter. Tom erzählte wieder seine spannenden Abenteuer mit den Helden und die Kinder lauschten ihm gespannt. Nur Oliver, als er diese Geschichten hörte, wurde sehr traurig, denn obwohl er gerade in letzter Zeit einiges erleben durfte, meinte er zum Ärger der anderen, nicht allzu oft mitgenommen worden zu sein. Um sich aufzumuntern erhob er sich vom Tisch und ging in sein Zimmer, um ein Buch zu lesen, nur wusste er noch nicht welches. Er hatte eine große Anzahl spannender Bücher, aber an seinen Sciencefiction-Romanen hatte er gerade keine Freude. So dachte er sich: „Heute nehme ich „Der Kampf um die Barbacane“ – nein, doch nicht, das ist mir zu brutal. Da greife ich doch lieber zu den „Drei Musketieren“ - nein, das ist mir jetzt zu langweilig. Ach, ich hab es: Ich lese „Die Nibelungen“!“

Er hatte nämlich ein großes Vorbild, seit er das erste Mal „Die Nibelungen“ kennengelernt hatte, und das war Siegfried. Er liebte ihn einfach, wohl am meisten wegen seines Mutes und seiner Tapferkeit. So begann er das Buch zu lesen. Er las, las und las. Inzwischen waren schon alle außer ihm eingeschlafen.

Es schien so, als ob ihn dieses Buch regelrecht anziehen würde. Es war schon immer sein Traum gewesen, einmal Siegfried zu begegnen und mit ihm Abenteuer zu erleben. Plötzlich, Oliver war gerade bei der Stelle, wo Hagen einen Speer aufhebt, sah er Drachenblut aus dem Buch tröpfeln. Er dachte sofort an die berühmte Szene, in der Siegfried den Drachen besiegt und in seinem Blut badet, und wollte das Buch berühren. Urplötzlich griff ihm jemand auf seine Schulter. Um ein Haar hätte er einen Herzinfarkt bekommen. Schließlich drehte er sich langsam und sehr ängstlich um. Da sah er Siegfried. Der Held sagte: „Hallo Oliver, ich habe gehört, dass ich dein Vorbild bin. Möchtest du mit mir für längere Zeit nach Worms reisen und ein Abenteuer erleben?“ Oliver antwortete ohne nachzudenken: „Ja, ja, natürlich!“ Er war überglücklich. Da sagte Siegfried: „Das Einzige, was du jetzt noch machen musst, ist in mein Buch zu springen. Du weißt schon, „Die Nibelungen““ Oliver nickte und legte das Buch auf den Boden. Er atmete noch einmal tief durch und sprang. Siegfried hüpfte ihm nach. Beide verschwanden.

Plötzlich waren Siegfried und Oliver in Worms. Oliver schaute sich um. Er war noch verwirrt, aber auch schon beeindruckt von dem, was er sah. Siegfried führte den Jungen zu König Gunthers Burg. Oliver staunte nicht schlecht über die Festung, denn er fand sie gigantisch. Zu Ehren Olivers organisierte man sogleich ein Fest, das erst tief in der Nacht endete, als alle schon sehr müde waren. Er bekam ein riesengroßes, majestätisches Zimmer, wo er sanft einschlief.

Am nächsten Morgen kamen Gunthers Boten mit einer schlechten Nachricht. Die Dänen und Sachsen wollten zusammen das Königreich der Burgunder angreifen. Siegfried, der unterwegs gewesen war, erfuhr die Nachricht von Oliver, der sich zuerst lieber das Schloss angesehen hätte, nun aber, da Siegfried König Gunther beistehen wollte, unbedingt mit mochte. Kriemhild, Siegfrieds Frau, war in Sorge um ihren Mann. So ließ sie Hagen von Tronje zu sich kommen und sprach: „Hagen, du bist ein starker Krieger. Ich bitte dich, beschütze meinen Mann, denn ich bin in Sorge um ihn, er könnte bei diesem Krieg sein Leben lassen.“ Hagen sah sofort in dieser Aufgabe die Möglichkeit zu einer perfekten Rache. So meinte er zu Kriemhild: „Beschützen kann ich ihn nur, wenn ich weiß, wo er überhaupt verwundbar ist. Nähe ein Kreuz auf die Stelle, sodass ich sie erkennen möge.“ „Höre mir zu, kühner Tronjer, einst tötete Siegfried einen Lindwurm. Er schmierte sich das Blut auf den Körper, aber ein Lindenblatt fiel auf seine Schulter. Dort befindet sich seine Schwachstelle.“

So zogen Siegfried, Oliver, Gunther und Hagen mit ihren Männern in den Krieg. Als sie schon dort waren, wo die Dänen und Sachsen hätten sein sollen, fand sich niemand. Sie wollten nicht umsonst so weit geritten sein und so organisierte man eine Jagd. Wer das größte Stück fangen sollte, würde reich belohnt werden. Natürlich gewann Siegfried. Dann hatten alle sehr großen Durst, denn Hagen hatte den Wein vergessen. So wollten Gunther, Siegfried, Hagen und Oliver zu einer Quelle reiten. Der junge Bub aber wurde langsam misstrauisch, denn er hatte vor der Abreise gesehen, wie Hagen die Weinschläuche ins Schloss zurückbringen ließ.

Siegfried wollte ein kleines Wettrennen veranstalten. Er ließ ihnen Vorsprung, gewann aber trotzdem. Jetzt wollte der Tronjer die finstere Tat vollbringen. Als Siegfried und Oliver gerade aus der Quelle tranken, versteckte Hagen die Waffen von Siegfried hinter einem Baum, nahm einen Speer und holte aus. Hagen warf den Speer elegant und schwungvoll. Der Speer flog rasend schnell in Richtung des markierten roten Kreuzes auf Siegfrieds Schulter. Sobald Oliver das sah, schrie er aus Leibeskräften. Doch der Schrei half nichts. Es sah so aus, als würde der Speer auf Siegfrieds verwundbare Stelle zusteuern. Oliver sah keinen Ausweg mehr. Ohne eine Sekunde nachzudenken, tat er, was jeder an seiner Stelle getan hätte. Der Junge warf sich heldenhaft in Richtung des Speeres. Es sah so aus, als würde ihn der Speer treffen, doch in Wirklichkeit lenkte ihn Oliver in letzter Sekunde geschickt mit seiner linken Hand weg. Der Tronjer blieb stumm. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Oliver nützte diese Zeit und ergriff den Speer, um Hagen seinen geplanten Gnadenstoß heimzuzahlen. Als dieser Olivers Vorhaben erkannte und diesen sehr schwer auszuweichenden Wurf sah, sprang er gewandt zur Seite. Doch der Speer hatte so einen Effet, dass Hagen keine Chance blieb um auszuweichen. Womöglich hatte Hagens Schutzengel ihn verlassen. Der Speer traf Hagen genau dort, wo er es zu verhindern versucht hatte. Zwar hatte Hagen einen Brustpanzer aus Silber, doch da die Speerspitze aus Granit und Platin war, die härtesten Materialien auf der Welt und viel härter als der jämmerliche Silberpanzer, hatte die Panzerung keine Chance, Widerstand zu leisten: Der Speer bohrte sich durch die Brust ins Herz. Oliver und Siegfried gingen langsam auf Hagen zu. „Es tut mir Leid, mein König. Es war ein Fehler von mir, Euch anzugreifen. Ich habe diese Strafe verdient“, stotterte Hagen, während er sich dem Tode nahe fühlte. Zum letzten Mal blickte er auf zum Himmel. „Ach, wie schön die blaue Pracht da oben ist. Ich hätte den Speer nicht werfen sollen. Diese Welt ist wunderschön, zu schön um sich mit so einer Last, wie ich sie trage, von ihr zu trennen. Gott möge mir verzeihen, damit ich wenigstens im Himmel Frieden finde“, waren seine letzten Worte, bevor sein Kopf zu Boden sank.

„Du hast mir das Leben mit deiner Heldentat gerettet. Der Tronjer wird sich an dich erinnern - im Jenseits. Nun wollen wir aber zur Burg reiten. Wir haben eine schlimme Zeit hinter uns“, sagte Siegfried, der überglücklich war, dass Oliver ihn gerettet hatte.

Als sie ankamen, wurde alles für das Abendmahl, bei welchem hundert Menschen teilnahmen, vorbereitet. Sobald sich das leibliche Wohl eingestellt hatte, bat Siegfried um Aufmerksamkeit. Er begann zu erzählen. Nach einer halben Stunde war er fertig und gleich darauf begannen alle im Saal für Oliver zu klatschen. Dann kam Kriemhild zu ihm. „Ich bin dir unendlich dankbar, dass du meinen Ehemann vor dem Tod gerettet hast. Als Anerkennung und als Ausdruck meiner Dankbarkeit werde ich dir den Speer wie auch Siegfrieds Balmung mit auf den Weg geben. Lebe wohl!“, sagte die glückliche Königin Kriemhild. Da verschwand Oliver auch schon.

Als er daheim war, sah er Balmung und den Speer. Nun aber blickte er ins Buch, das noch immer aufgeschlagen in seinem Zimmer lag. Plötzlich erschrak er. Im Buch stand nun dieselbe Geschichte, wie er sie erlebt hatte. Schnell rannte er mit dem Buch, Balmung und dem Speer zu den anderen Familienmitgliedern. Später begann er zu erzählen. Als er fertig war, fragte man sich, wer beim nächsten Abenteuer dabei sein könne. So ein spannendes Abenteuer wie Oliver hatte noch niemand erlebt.

 

         

ZU DEN ILLUSTRATIONEN

 

Ansprechpartner: Prof. Barbara BRANDSTEIDL, Prof. Thomas KNOB, Prof. Franz LUX, Prof. Brigitte ZERLE
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