Literatur

 

Projekt "Fortsetzung folgt"

Ein Roman des GRg19

 

11. Kapitel (3B): Bei Siegfried haben Drachen nichts zu lachen

„Gute Nacht, schlaf gut, mein Schatz!“, flüsterte Barbara Miller zärtlich, als sie in Alices Zimmer kam: „Ich bringe Rebecca noch schnell ein Kännchen Tee, möchtest du auch einen?“ „ Ja bitte, aber könntest du mir meinen Lieblingstee machen, Silver Blossom?“, bat Alice.  Frau Miller antwortete: „Okay, aber geh bitte nicht so spät schlafen, denn morgen ist Montag und du hast Schule.“ Kurz danach kam die Mutter wieder ins Zimmer: „Hier ist dein Tee. Ich gehe morgen früh in die Apotheke, um Grippetabletten zu kaufen. Könntest du Rebeccas Klassenvorstand eine Entschuldigung mitbringen und ihr sagen, dass Rebecca eine Verkühlung und Fieber hat?“ Nachdem Frau Miller aus dem Zimmer gegangen war und hinter sich die Tür geschlossen hatte, bürstete Alice sich ihre braunen, langen Haare und zog ihren Pyjama an. Sie freute sich schon auf die bevorstehenden Osterferien bei ihren Großeltern. Da konnte sie wach bleiben, so lange sie wollte. Nun schlenderte sie zum Bücherregal und suchte nach geeigneter Lektüre; von Gollum und den Orks hatte sie fürs Erste die Nase voll. Sie nahm das Buch „Drachen haben nichts zu lachen“ zur Hand, stellte die Tasse mit dem dampfenden Tee auf ihr Nachtkästchen, legte sich ins Bett, machte es sich bequem und begann zu lesen. Nach einer halben Stunde wurde sie müde, legte ihr Buch zur Seite und schaltete das Licht aus. Lange konnte sie nicht einschlafen und warf sich unruhig von einer Seite auf die andere. Plötzlich hörte sie leise Schritte und der Boden im Flur knarrte. Die Schritte wurden immer lauter und lauter und hielten vor ihrer Tür an. Hatte ihre Mutter noch irgendetwas vergessen? Als sie hörte, wie die Türschnalle langsam hinunter gedrückt wurde, wandte sie ihren Blick zur Türe. Knarrend öffnete sich diese, doch es war niemand zu sehen. Deutlich aber waren abermals Schritte zu hören, die sich ihrem Bett näherten. Alice setzte sich auf und zog ihre Decke bis unter die Augen. Hier stimmte doch etwas nicht! Sie spürte, dass sie zu schwitzen begann. Plötzlich stand ein großer Mann in einer strahlenden Rüstung neben ihrem Bett. Er hielt eine Kappe aus feinem, seidigem Gewebe in seiner rechten Hand. Verängstigt piepste Alice:„ Wer sind Sie? Sie sind doch nicht SSSS…?“ Beruhigend fiel ihr der Fremde ins Wort: „Siegfried, der Drachentöter. Ich bin gekommen, weil ich dich zu einem Abenteuer einladen will. Ein Drache belagert Worms, und Gunther, mein Schwager, hat mich beauftragt, diesen Drachen zu töten. Willst du mir beim Kämpfen zusehen?“ Aufgeregt rief Alice: „Und ob ich will! Ritter und Drachen sind meine Spezialität! Doch wie kommen wir ins Reich der Burgunden?“ „Das ist ganz einfach. Nimm meine Hand und schließe deine Augen, den Rest erledigt meine Tarnkappe.“ Schnell schlüpfte Alice in ihre Jeans und zog sich einen Pullover über. Dann tat sie, was Siegfried gesagt hatte. Vorsichtig nahm sie seine Hand und schloss die Augen…..

Als sie sie langsam wieder aufschlug, stand sie mit Siegfried im prächtigen Saal der Burg zu Worms. Alice schaute sich neugierig um. Sie war von dem, was sie sah, begeistert. Der ganze Raum war mit Juwelen besetzt und in der Mitte baumelte von der Decke ein riesiger Kronleuchter, der im Schein der Kerzen blitzte und funkelte. Vor ihnen saß Gunther, der König der Burgunden, auf seinem Thron und blickte auf die beiden herab. Alice machte einen artigen Knicks und Siegfried verbeugte sich nach höfischer Sitte. „Ich habe dich bereits erwartet, Siegfried“, erhob Gunther würdevoll seine Stimme. „Und wer bist du?“, fragte er Alice. „Alice, ähm... ich bin Alice Miller“, antwortete Alice schüchtern. Sie hatte noch nie einen richtigen König gesehen. Gunther fuhr fort: „Siegfried, du weißt, dass du den Drachen töten musst, der unsere Stadt belagert und in Angst und Schrecken versetzt. Aber was willst du mit dem Mädchen?“ „Sie kann uns helfen, einer noch größeren Gefahr zu entgehen: der Vernichtung durch die Wahrheitskommission. Alice wird unsere Zeugin sein! Außerdem kennt sie sich mit Drachen aus und sie könnte …“, versuchte Siegfried hastig zu erklären, doch Gunther fiel ihm ins Wort: „Nun gut, aber sie bleibt hier, ich will nicht, dass ihr etwas zustößt, Siegfried, du wirst alleine gegen den Drachen  kämpfen!“ Siegfried nickte und machte sich auf den Weg, seinen Schild und sein Schwert zu holen.

Kaum war die schwere Türe hinter Siegfried zugefallen, ergriff Brunhild, die die ganze Zeit schweigend neben Gunther gestanden hatte, das Wort: „Wir werden ja sehen, ob er dieser Aufgabe gewachsen ist. Er ist auch nicht mehr der Jüngste und wer weiß, ob er wirklich schon einmal einen Drachen erlegt hat. Er kann ja nicht einmal jemanden mitbringen, der mit ihm kämpfen kann“, spottete sie und blickte höhnisch auf Alice hinab, die inzwischen ziemlich frustriert war. “Warum traut mir niemand irgend etwas zu?“, dachte sie und ließ den Kopf hängen. Jemand legte seine Hand auf ihre Schulter. Es war Kriemhild. „Sei nicht traurig, ich weiß, Brunhild ist oft unfair. Sie glaubt stets, sie ist etwas Besseres. Komm, wir sehen uns den Kampf an, vom Turm aus hat man eine tolle Aussicht.“ Noch ehe sie die Tür zur Treppe erreicht hatten, erschütterte ein heftiges Beben den Raum. Die Fenster zersplitterten, die mit Juwelen besetzten Möbel stürzten um und der prachtvolle Kronleuchter löste sich von der Decke, prallte auf den Boden und zersprang in tausend Teile.

Alice klammerte sich an Kriemhild, und gemeinsam stiegen sie die schmale Wendeltreppe, die zum Turmplateau führte, hinauf. Als sie sich dem Ausgang näherten, schlug ihnen ein beißender Gestank entgegen, der ihnen beinahe den Atem nahm. Von oben aus konnten sie den ganzen Wald rund um die Burg überblicken. Auf einer Lichtung sah Alice einen riesigen Felsbrocken. Ein Teil davon erinnerte an das Gesicht einer Echse. Bei genauerer Betrachtung bemerkte sie, dass es gar kein Fels war, sondern der Drache. „Da! Das muss der Drache sein!“, sagte sie zu Kriemhild und deutete mit dem Finger auf die Lichtung. „Ich glaube, ich sehe Siegfried!“, erwiderte diese. Und wirklich: eine kleine Gestalt, die niemand anderer als Siegfried sein konnte, schlich von hinten an den Drachen heran. Der hünenhafte Recke wirkte neben dem gewaltigen Untier wie ein Zwerg. Plötzlich schien der Drache Siegfried zu bemerken, denn er drehte sich blitzschnell um und stürzte auf Siegfried. Dieser wich geschickt aus und zog sich einige Meter zurück, ließ sein Gegenüber aber nicht aus den Augen. Er wusste, dass er keinem Feind den Rücken kehren durfte.

Jetzt hatte er kurz Zeit, seinen Gegner in Augenschein zu nehmen. Grässlich war dieser Drache anzusehen! Sein riesiger roter Leib war mit glänzenden Schuppen übersät, ein stacheliger grüner Kamm zog sich über den Rücken bis zur Spitze des mächtigen Schwanzes, mit dem er den Boden peitschte. Den Riesenleib trugen vier gewaltige Tatzen, deren Krallen sich in den weichen Wiesenboden bohrten. Aus kleinen, bösartigen Augen starrte er Siegfried an, und aus seinen feuerroten Nüstern quoll übel riechender Qualm. Weit riss das Tier sein Maul auf, und die messerscharfen Zähne blitzten im Sonnenlicht. Es spie einen gewaltigen Feuerstrahl nach Siegfried, den dieser mit seinem Schild abzuwehren versuchte. Nun gingen die Gegner aufeinander los, und ein heftiger Kampf entbrannte. Mit seinem Schwert Balmung führte Siegfried ein paar kräftige Hiebe gegen den Leib der riesigen Echse. Er versuchte, sich dem Hals des Tieres zu nähern, denn der war kaum durch einen Schuppenpanzer geschützt. Dabei kam er dem Haupt des Scheusals so nahe, dass er seinen fauligen Atem riechen konnte, was ihm beinahe die Besinnung raubte. Fast hatte er sein Ziel erreicht, da versetzte ihm der Drache mit einer seiner Pranken einen so wuchtigen Hieb, dass Siegfried einige Meter hoch durch die Luft geschleudert wurde. Er schlug auf dem Boden auf und blieb reglos liegen. Der Drache glaubte wohl, er habe seinen Gegner getötet, denn er wandte sich ab. Siegfried raffte sich auf, zückte erneut sein Schwert und stürmte auf ihn los. Abermals drohte ihn eine der Pranken zu treffen, doch mit einem kräftigen Streich trennte sie Siegfrieds Schwert vom Leib ab. Das Untier schrie auf, und sein feuriger Atem versengte die Wiese. Wütend versuchte es nun, Siegfried mit seinem mächtigen Schwanz zu treffen, doch geschickt wich Siegfried allen Angriffen aus. Nun richtete sich das Ungeheuer hoch auf seinen Hinterbeinen auf, riss sein Maul auf und schnappte nach Siegfried. Aber auch diesmal war der Recke schneller, wich zur Seite und stieß ihm Balmung bis zum Griff in den schutzlosen Bauch. Schreiend brach der Drache über Siegfried zusammen. Als der Held sich von dem schlaffen, massigen Körper des Drachen befreit hatte, waren die Zuschauer vom Turm bereits zu ihm gelaufen und bejubelten ihn. Während ihm alle gratulierten und ihn zu seinem Sieg beglückwünschten, entfernte sich Alice von der Gruppe und näherte sich dem reglosen Körper. Sie zupfte an einer Schuppe, doch konnte sie nicht lösen. Während sie damit beschäftigt war, ihr Beweisstück in ihren Besitz zu bringen, merkte sie zunächst nicht, dass der Drache sich leise zu regen begann. Erst als er seine bösen kleinen Augen aufschlug und auf sie richtete, erkannte sie die Gefahr und lief weg. Der Drache rappelte sich benommen auf, erblickte Alice und machte sich humpelnd an ihre Verfolgung. Nun wurden auch die anderen auf die beiden aufmerksam. Brunhild entriss einem Ritter den Speer und warf ihn Siegfried zu. Der holte weit aus und schleuderte ihn dem Untier nach. Am Nacken getroffen, stieß der Drache ein letztes lautes Gebrüll aus, bevor er taumelnd zu Boden sank und seinen letzten stinkenden Atem aushauchte. Blut quoll aus der tiefen Wunde, begann die Wiese rot zu färben und sammelte sich in kleinen Pfützen.

Siegfried und Kriemhild eilten zu Alice, die am Boden kauerte. „Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Siegfried besorgt und half ihr auf. „Mir fehlt nichts“, antwortete Alice außer Atem. Dann fuhr sie fort: „Wir dürfen nicht auf die Beweise für die Wahrheitskommission vergessen! Kannst du mir helfen, eine Schuppe vom Drachenkörper zu trennen, Siegfried?“ Siegfried dachte nicht lange nach, zückte sein Schwert und schlug dem Drachen eine große Schuppe ab. Alice hob sie dankend auf und meinte:„Glaubst du, das ist genug? Ich könnte noch ein bisschen Drachenblut mitnehmen.“ Sie holte eine „Tick Tack“ Dose aus ihrer Hosentasche und aß das letzte Tick Tack. „Was ist das?“, fragte Siegfried verwundert. „Ein Bonbon, Tick Tack”, antwortete Alice, bückte sich zu einer großen Blutlacke, füllte die Dose mit Drachenblut und ließ sie wieder in ihrer Tasche verschwinden. „Drachenblut ist sehr wertvoll, man sollte es nicht in so einer unedlen Dose aufbewahren!“, meinte Kriemhild, die die ganze Zeit schweigend neben Siegfried gestanden hatte, und schickte eine Zofe um ein leeres Parfumfläschchen. Nach wenigen Minuten kam die Zofe wieder und überreichte Kriemhild ein kleines, reich verziertes Fläschchen. Alice kramte die Tick-Tack-Dose wieder hervor und füllte das wertvolle Blut in das Fläschchen um. Nun hatte sie genug Beweise für die Wahrheitskommission, und es war auch schon an der Zeit für sie zu gehen. Siegfried setzte sich die Tarnkappe auf, nahm Alice an der Hand und sie verschwanden spurlos aus dem Burgundenland.

Und schon stand sie Hand in Hand mit Siegfried wieder in ihrem Zimmer. Siegfried nahm seine Tarnkappe ab und lächelte Alice an. Todmüde ließ sich das Mädchen auf seinem Bett nieder und meinte: „Ich glaube, jetzt kann ich schlafen, das war doch alles ziemlich anstrengend. Danke für alles - und vielleicht sehen wir uns ja einmal wieder! Lass alle noch mal von mir grüßen, besonders Kriemhild.“

Frau Miller hatte noch einmal nach Rebecca gesehen und vom Gang aus die Stimmen gehört. Neugierig kam sie ins Zimmer geeilt. „Sie sind doch nicht etwa Siegfried aus dem Nibelungenlied?“, fragte sie freudig überrascht. Sie war sehr begeistert, das sie konnte man ihr ansehen. „Ich...? Ja,  ich bin es, der König von Xanten“, antwortete Siegfried. „Bestimmt steht wieder ein Abenteuer bevor, könnte ich es mit Ihnen erleben?“ Vom Bett her ließ sich Alices Stimme vernehmen: „Tja, Pech gehabt, er hat nun mal mich mitgenommen.“ „Es tut mir leid, aber es stimmt, ich war bereits mit Alice in Worms“, fügte Siegfried hinzu. „Schade, ich hätte Sie wirklich gerne begleitet“, meinte die Mutter ein wenig traurig. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Sie sind sicher erschöpft nach dieser langen Reise?“ Siegfried nahm dankend an. Sie führte ihn in die Küche. „Ich habe hier einen köstlichen Burgunder“, schmunzelte sie und schenkte ihm ein Glas ein. Siegfried leerte es mit einem kräftigen Schluck. Nun war es an der Zeit, Abschied zu nehmen. Er bedankte sich herzlichst, setzte sich seine Tarnkappe auf und war im Nu verschwunden.

Frau Miller eilte zurück in Alices Zimmer, denn sie wollte alles über den Ausflug ihrer Tochter erfahren. Doch  Alice schlief schon tief und fest. Auf ihrem Nachtkästchen neben der Tasse Tee lagen die Drachenschuppe und das Fläschchen mit dem Drachenblut.

 

         

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Ansprechpartner: Prof. Barbara BRANDSTEIDL, Prof. Thomas KNOB, Prof. Franz LUX, Prof. Brigitte ZERLE
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