Literatur

 

Projekt "Fortsetzung folgt"

Ein Roman des GRg19

 

9. Kapitel (3A): Das Meer der Dinge

Der letzte Schnee schmolz unter der warmen Frühlingssonne. Überall lag noch Streusalz auf den Straßen, niemanden freute es nach draußen zu gehen. Auch Alice, die sich gerade einen Weg an den Pfützen vorbei bahnte, um nicht pitschnass nach Hause zu kommen und bei ihrer Mutter einen erneuten Herzanfall zu verursachen, sehnte sich schon nach einer heißen Tasse Tee und ihrem Lieblingsbuch. Zu gerne würde sie schon am Ende sein, um erneut beginnen zu können, wie sie es schon sieben Mal getan hatte. Als auch die nasse und aufgeweichte Erde des Gartenweges überwunden war, sperrte Alice die Haustür auf und schmiss die Schultasche achtlos beiseite. Hastig stellte sie, eine graubraune Spur hinterlassend, die tropfnassen Schuhe in die nächste Ecke, obwohl ihr ihre Mutter in langen Predigten beigebracht hatte, sie unter der Heizung im Badezimmer trocknen zu lassen. Doch heute hatte sie dafür keine Zeit. So schnell sie konnte, rannte sie in die Küche, stellte Teewasser auf und schnappte sich zwei Stück Kuchen und ihr Buch. Sekunden später befand sie sich bereits in einer anderen Welt – im Auenland.

„Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht
sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein
den Menschen ewig dem Tode verfallen neun
ein Ring dem dunklen Herrscher auf dunklem Thron
im Lande Mordor, wo die Schatten drohen
ein Ring sie zu knechten sie alle zu finden
ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
im Lande Mordor, wo die Schatten drohen ...“

Pfiiiiiihhhhhh ... Ein durchdringender Pfeifton riss sie aus Mittelerde. Verwundert sah sie sich um, und es dauerte einige Zeit, bis sie begriff, dass sie sich jetzt in der realen Welt befand. Sie goss sich eine Tasse Silver Blossom ein, lehnte sich wieder zurück und las weiter. Als sie die Tasse zu ihren Lippen führte, fiel ein Tropfen auf folgende Buchstaben: G – o – l – l – u – m. „Gollum war einst einem Hobbit nicht so unähnlich“, zitierte sie laut vor sich hin. Der Tropfen hatte sich inzwischen über die ganze Buchseite ausgebreitet. Vor Schreck sprang sie auf und das Buch fiel zu Boden. Die Buchstaben m, u, l, l, o und g formten sich zu einem seltsamen Wesen, das Alice sofort als Gollum erkannte. Mit trüben, zusammengekniffenen Augen und einem lebendigen Fisch im Mund verkroch er sich in die nächste dunkle Ecke, denn er hasste das Licht. Als sich Alice gefasst hatte, drehte sie sofort am Dimmer, um ihrem außergewöhnlichen Gast den Aufenthalt behaglicher zu gestalten.

 „Wo sind wir?“, zischte er. „Mein Schatz, wo sind wir hier hingeraten?“

Alice erkannte sofort, dass nicht sie gemeint war. „Du suchst den Ring, nicht wahr?“, fragte sie ihn ganz vorsichtig.

„Welchen Zauber hast du an uns angewendet? Bring uns sofort wieder zurück ins Nebelgebirge, wo keine Sonne scheint.“

„Ich werde dich zurückbringen – aber nur unter einer Bedingung: Ich will dich begleiten.“

„Wir nehmen keine Menschen nach Mordor, sie sind böse, sie waren immer schon böse.“

„Dann wirst du immer unter der Sonne leben müssen.“

„Krchzchzchz – Nein! Niemals können wir unter der Sonne leben, die Sonne ist böse.“ Und so willigte Gollum unter dem Druck dieser für ihn schrecklichen Vorstellung ein.

Alice war klar, dass sie sich in einer gefährlichen Situation befand. Wie sie aus den Büchern wusste, war Gollum unberechenbar und hinterhältig. Er hatte schon seinen besten Freund umgebracht und würde wohl auch bei ihr vor nichts zurückschrecken. Trotzdem reizte sie der Gedanke, ein Abenteuer im Auenland erleben zu können, zu sehr, als dass sie daheim bleiben hätte wollen. Sie füllte eine Thermoskanne mit dem restlichen Tee voll und warf noch zwei Zuckerwürfel hinein. Zusammen mit einer Kerze, Streichhölzern und etwas zu essen packte sie dies in einen Rucksack, den sie sich umhängte. Sie wusste, dass der Tee ihre einzige Möglichkeit war, später wieder in ihre Welt zu gelangen. Schließlich hatte er ihr auch Gollum hergebracht. In Eile schrieb sie noch ein paar Worte an ihre Eltern: „Bin mit Gollum im Auenland, macht euch keine Sorgen.“

Langsam und vorsichtig ging Alice auf Gollum zu und benetzte seine Hand mit brennheißem Tee. Gerade noch konnte sie hören, wie er zu einem Schrei ansetzte, aber in einem Bruchteil einer Sekunde war er verschwunden. Alice ließ vor Schreck die Tasse fallen, verbrannte sich dabei selbst die Hand und plötzlich verschwand das Wohnzimmer vor ihren Augen und verschwamm zu einem Meer aus Farben. Eine Zeit lang befand sie sich in einem Strudel, der ihr den Atem raubte und als "Meer der Dinge" erschien. Plötzlich fiel sie in eine Schlammpfütze, die sie an ihren Gartenweg erinnerte, den sie erst vor kurzer Zeit durchwatet hatte. Sie sah sich um und ein kalter Hauch wehte ihr in das Gesicht. Mit der Zeit bemerkte sie, dass das hier nicht das Auenland sein konnte. Sie war in Mordor! Und jetzt erinnerte sie sich auch daran, dass Gollum ja noch nie im Auenland gewesen war.

Hinter einem Busch, der einige Meter von ihr entfernt war, hörte Alice ein leises Schimpfen. Als sie die Zweige beiseite schob, sah sie in Gollums schmerzverzerrtes Gesicht. Er sprang sie an und riss ihr mit seinen verbrannten Spinnenfingern den Rucksack vom Rücken. Gollum kannte keine Rucksäcke und wusste daher auch nicht, wie man sie öffnete. Vor lauter Wut riss er ihn einfach auseinander und nahm die Teekanne heraus.

„Böses Zeug, hat uns Schmerzen bereitet“, zischte er erbost, während er die Teekanne an einem schwarzgerußten Felsbrocken zerschmetterte. Der Tee rann den Stein hinunter und bildete darunter eine Pfütze.

„Was hast du gemacht? Jetzt komme ich nicht mehr in meine Welt zurück!“, schrie Alice verzweifelt. Seine ekelhaften, gelben, dolchartigen, verdorbenen Zähne zeigend, grinste Gollum sie schadenfroh an und rannte vor ihr davon. Er wusste, dass in Mordor er im Vorteil war, und so würde er nicht mehr viel dazu tun müssen, um Alice loszuwerden. Ohne darauf zu achten, wohin der Weg sie führte, rannte sie ihm wutentbrannt nach.

Viele Hundert Meter später entdeckte sie am Horizont eine düstere Festung, in die sie Gollum gerade noch hineinschlüpfen sah. Er sah sich durch seine Verfolgerin gezwungen, dorthin zu flüchten, obwohl er selbst bei den Orks nicht gerne gesehen war. Alice musste ihn erreichen, denn er war der Einzige, der ihr am ehesten den Weg zurück in ihre Welt zeigen konnte. Als sie die Burg erreicht hatte, öffnete sie so leise wie möglich das glücklicherweise unbewachte Tor. Sie hörte laute Schritte, die rasch auf sie zukamen, und wich zur Seite – die Orks! Eine ganze Armee marschierte an ihr vorbei. Um sich zu verstecken, huschte sie in einen verlassenen Raum, der sich als Waffenkammer herausstellte. Inzwischen hatte die Wut der Verzweiflung Platz gemacht und sie bedauerte bereits, sich auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben. Würde sie je wieder ihre Familie zu sehen bekommen? Wasser sammelte sich in ihren Augen und eine dicke Träne kullerte an ihrer Wange herunter. Am liebsten würde sie die Uhr zurückdrehen und weiter an ihrem Silver Blossom nippen. Mit der Zeit fasste sie neuen Mut und realisierte, dass sie etwas unternehmen müsse. Sie sah sich in der Kammer um und erkannte, dass ihr einige der dort aufbewahrten Rüstungen der Orks genau passen müssten. Alice legte eines der kleineren Kettenhemden und auch die restlichen Teile zur Tarnung an, setzte sich einen Helm auf und griff nach einem Schwert. Vorsichtig öffnete sie die Tür einen Spalt und überprüfte, ob die Luft rein war. Die Rüstung war so schwer, dass die Miller-Tochter vornüberkippte und auf dem Gang zu liegen kam. Einer der Ork-Anführer bemerkte sie und hielt sie für einen seiner Soldaten, der nicht mitmachen wollte. Er riss sie in die Höhe und stieß sie in die Reihe der anderen. Alles ging ziemlich schnell. Sie musste rennen, um mit den Orks Schritt halten zu können und nicht aufzufallen. Noch im selben Korridor hörte sie schon wieder das wohlbekannte Krächzen: „Krchzchzchz ...“ Alice wusste, dass auch Gollum am liebsten so schnell wie möglich dieses schauderhafte Gebäude wieder verlassen wollte und versuchte, mit ihm in Kontakt zu kommen. Es gelang ihr, sich im Vorbeigehen in dieselbe Nische zu drücken, in der auch Gollum stand. Die Orks zogen weiter, ohne dass sie ihr Fehlen bemerkt hatten. „Wenn du mir nicht den Weg zurück zeigst, dann werde ich dich an die Orks verraten“, drohte Alice Gollum mit einem gefährlich klingenden Unterton an, obwohl sie im Grunde selbst einiges zu befürchten hätte, wenn sie erkannt würde. Sie war sich in ihrer Kaltblütigkeit selbst fremd. Gollums Gesicht fror ein. Er erinnerte sich an die grausamen Foltermethoden, die die Orks früher bereits an ihm angewandt hatten, und murmelte kurz etwas Unverständliches zu sich selbst. Schließlich willigte er ein, bei der gemeinsamen Flucht behilflich zu sein, da er ja die dortigen Örtlichkeiten schon kannte. Als sie die Schritte der Orks nicht mehr wahrnehmen konnten, trauten sie sich vorsichtig aus ihrem Versteck. Gollum führte sie zu jenem Loch, durch das er vor nicht einmal einer Stunde in die Festung eingedrungen war. Bevor sie endgültig ins Freie kamen, verlangte Alice etwas naiv von Gollum, sie in ihre Welt zurückzubringen. Mit einem hinterhältigen Grinsen auf seinem abgewandten Gesicht, das Alice seine wahren Absichten verraten hätte, wenn sie es hätte sehen können, zischte er: „Wir werden dir helfen.“

Durch Gollums Tonfall misstrauisch geworden, zog Alice zur Sicherheit das Schwert aus der Scheide und fuchtelte demonstrativ damit vor ihm herum. Nach einem längeren Fußmarsch kamen sie wieder an die Stelle, an der alles begonnen hatte. Plötzlich drehte sich Gollum um und sagte: „Dummer Mensch! Wir haben dich betrogen, wir wissen gar nicht, wie du nach Hause kommst. Jetzt werden wir dir heimleuchten!“ Er grinste hämisch und stieß Alice kräftig von sich weg. Sie landete genau in der Pfütze des Silver Blossom-Tees, der noch nicht versickert war. Schlagartig befand sie sich wieder in jenem farbigen "Meer der Dinge", das sie nach Mordor gebracht hatte. Augenblicke später landete sie unsanft auf dem Parkettboden ihres Wohnzimmers. Sie blickte an sich herab und erfasste kaum, dass sie immer noch die Rüstung trug und damit genau das an sich hatte, was sie brauchte: einen Beweis für die Wahrheitskommission.

Da hörte sie einen lauten Schrei und erkannte sofort die Stimme ihrer Mutter: „Alice! Wie oft soll ich dir das noch sagen! Stell endlich deine Schuhe in das Badezimmer unter die Heizung!“

 

         

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Ansprechpartner: Prof. Barbara BRANDSTEIDL, Prof. Thomas KNOB, Prof. Franz LUX, Prof. Brigitte ZERLE
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