Literatur

 

Projekt "Fortsetzung folgt"

Ein Roman des GRg19

 

Prolog

In einer schmalen Seitengasse des kleinen Städtchens stand ein altes Haus, das die Nummer 13 trug. Es sah nicht annähernd so hübsch aus wie die anderen Häuser im Städtchen. Nein, wenn man ehrlich sein wollte, musste man zugeben, dass es ausgesprochen hässlich war. Längst hätte man die Dachrinnen reparieren lassen müssen, seit vielen Jahren hatte niemand etwas für die Fensterrahmen getan und der kleine Garten brauchte schon sehr dringend einen Gärtner.

Dass das alles so aussah, lag daran, dass im Haus mit der Nummer 13 die Familie Miller wohnte. Keiner in dieser Familie hatte Zeit, sich um die Äußerlichkeiten ihrer Behausung zu kümmern. Die Millers hatten genug zu tun: lesen!

Vater Frank Miller war Journalist und hatte in der größten Zeitung des Landes die Literaturredaktion unter sich, Mutter Barbara Miller war Lektorin und war für die Abenteuer- und Kriminalromane zuständig. Und da waren noch die vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Buben. Die Älteste war Alice, 14 Jahre alt. Sie liebte vor allem Fantasyliteratur, sie las alles, was mit Feen, Drachen und Rittern der Tafelrunde zu tun hatte. 13 Jahre alt war Oliver, ein Kenner der Sciencefiction. Die Bibliothekarin der kleinen Stadt war schon ganz verzweifelt, weil es keinen utopischen Roman mehr in ihren Regalen gab, den Oliver noch nicht gelesen hatte. Eigentlich wollte er am liebsten einen eigenen Roman schreiben. Rebecca war 12 Jahre alt und las am liebsten Pferdebücher. Ihr Bücherregal war randvoll mit Geschichten über Schimmel, Isländer und schwarze Blitze. Der jüngste Miller war Tom. Er war der Historiker der Familie. Er konnte es gar nicht mehr erwarten, bis er im Gymnasium Geschichte haben würde. Er wusste alles über die Ägypter, die Seefahrer wie Vasco da Gama oder Sir Francis Drake, über die Indianer oder über die Raumfahrt.

Es war ein großes Haus, das die Millers bewohnten. Nicht schön, aber groß. Jedes der Kinder hatte sein eigenes Zimmer. Rebeccas Zimmer war voll mit Pferdeposters, Tom war stolz auf seinen Mann im Mond. Während Alice gut malen konnte und ihre eigenen Gemälde von Professor Dumbledore und Lancelot aufgehängt hatte, schmückten Olivers Wände die Abbildungen von Darth Vader und ET.

Ab und zu verließen die Millers ihre Leseecken, Schmökerhöhlen, Literaturredaktionen und Verlagsbüros, um gemeinsam zu essen. Für diese kurzen Momente im Leben von Papa, Mama, Alice, Rebecca, Tom und Oliver legten sie ihre Bücher und Zeitschriften beiseite und versammelten sich um den ungeheuer großen Tisch in der Wohnküche.

So war es auch am Abend dieses besonderen Tages im Dezember. Der riesige Tisch war zum Abendessen gedeckt, die aufregendsten Gerüche durchströmten das Haus mit den kaputten Regenrinnen und dem verwilderten Garten. Ein riesiger Schweinsbraten wartete darauf verspeist zu werden, und alle am Tisch wollten ihn nicht lange warten lassen: Sie griffen tüchtig zu.

Da klopfte es.

Wer konnte das sein? Wer wollte um diese Zeit zur Familie Miller? Vater sah Mutter an, die nur mit den Schultern zuckte, um anzudeuten, dass sie keine Ahnung habe. Auch die Kinder bezeugten ihre Ahnungslosigkeit. Vater Miller legte die Serviette auf den Tisch und begab sich zur Haustüre. Er öffnete sie und im Garten stand: Sindbad, der Seefahrer. Was sollte Frank davon halten? War das ein verwirrter Schauspieler? Oder gab es in der Nähe einen Maskenball und der Mann hatte sich in der Adresse geirrt?

„Ihr müsst uns helfen!“

Sindbad sprach jedenfalls fließend Deutsch.

„Wie habe ich das zu verstehen, fremder Mann?“, fragte Frank.

„Ich bin Sindbad, der berühmte Seefahrer. Ich bin gekommen, um mit deinen Kindern zu sprechen.“

„Mit meinen Kindern?“

„Ja. Nur die können uns helfen. Bitte glaube mir! Ich muss es ihnen erzählen!“

„Es ist zwar völlig unvorsichtig, aber ... Kommen Sie herein und sagen Sie, was Sie zu sagen haben.“

Sindbad trat ein und begab sich sofort in die Küche, wo die Kinder schon gespannt darauf warteten zu erfahren, wer da an der Türe sei. Als sie allerdings den orientalischen Abenteurer erblickten, erschraken sie gehörig. Sindbad hatte nicht viel Zeit zu verlieren und begann sofort zu erzählen:

„Sie wollen uns vernichten! Sie werden uns auslöschen! Mich und meine fünfzehn Freunde und Freundinnen. Wir sind in höchster Gefahr!!“

„Wer seid ihr?“, fragte Tom, der als Erster die Fassung gewonnen hatte.

„Wir sind die Attraktionen des „Europäischen Museums für Phantasie und Literatur“. Jetzt soll aber eine Wahrheitskommission feststellen, ob es uns gibt. Und die Kommission verlangt von uns Beweise, dass wir existieren. Sie fragen nach Zeugen, die beschwören können, dass auch unsere Welt wirklich ist. Dabei sind wir doch die berühmtesten Figuren der Welt!“

„Was muss ich tun?“, fragte Tom begeistert.

„Du musst ein Abenteuer mit mir erleben und einen Beweis mitbringen, dass du in meiner Welt warst.“

„Wir wollen auch helfen!“, rief Alice. Und Rebecca rieb sich die Hände vor Freude.

„Vier Mal vier Abenteuer, genug zu tun für euch alle! Jeden Abend wird eine Figur von uns an die Türe klopfen, alle brauchen eure Hilfe.“

„Jetzt reicht es aber! Wir glauben ja alle an euch, aber das mit den Abenteuern ist doch Unsinn“, meinte Mutter Miller etwas beleidigt.

„Mama, nicht!“

„Lass ihn doch erzählen!“

Ein wildes Durcheinander von Stimmen war entstanden. Alle redeten, nur Sindbad nicht. Er hob die Hand und plötzlich war der Raum erfüllt von blauem Rauch und beißendem Duft. Alle husteten und rieben sich die Augen. Erst nach einigen Minuten war wieder etwas zu sehen. Rebecca hatte sich zu Mama geflüchtet, Alice hielt Oliver fest umschlossen. Vater öffnete ein Fenster. Aber wo war Tom? Und wo war dieser seltsame Mann, der behauptet hatte, Sindbad der Seefahrer zu sein?

Sie waren verschwunden!

Auf dem Tisch aber lag ein Zettel. Und auf dem stand:

„Ich bin mit Sindbad gegangen. Komme bald wieder. Tom.“

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Ansprechpartner: Prof. Barbara BRANDSTEIDL, Prof. Thomas KNOB, Prof. Franz LUX, Prof. Brigitte ZERLE
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